Aufsatz 
Marryats Masterman Ready als Lesestoff der dritten Realschulklasse : 1. Teil
Entstehung
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verbreiteten Anſicht, daß in der ſogenannten neuen Methode endlich das allmächtige Zauber⸗ mittel gefunden ſei, vor dem jede Schwierigkeit dahinſchwindet, jedes Hindernis weicht. Solche allzu optimiſtiſche Anſchauung kann ich in keiner Weiſe teilen, ein ſo überzeugter Anhänger einer vernünftigen und maßvollen Reform ich auch bin.

In jüngſter Zeit wurde der alte Streit noch einmal allerdings nicht ſehr glücklich! angeregt von Prof. Winkler in einem Vortrage ¹) auf dem wiener Neuphilologentage 1898. Was nun gerade dieſen letzten heftigen Angriff auf die neue Lehrweiſe betrifft, ſo machen die Ausführungen den Eindruck, als ob der Herr Verfaſſer ſchon während der Arbeit andern Sinnes geworden wäre. Dies könnte man wenigſtens aus den aufgeſtellten Theſen ſchließen, wo es unter anderem lautet:Der Sprachunterricht muß gleich von Anfang an eine ſtreng logiſch⸗grammatiſche, auf Leſeſtücken ruhende Unterlage haben. Die Grammatik iſt von allem überflüſſigen Ballaſte zu befreien. Die Überſetzung aus dem Deutſchen wird der Oberſtufe vorbehalten. Alle Vorbereitungen, die ein logiſch richtiges Denken erfordern, haben in der Schule unter Aufſicht des Lehrers zu geſchehen. Das Auswendiglernen des Lehrſtoffes in geringem Maße erfolgt erſt nach ſeiner gründlichen Analyſe(Beſprechung des Inhaltes in der fremden Sprache) und iſt nur dem Hauſe zu überlaſſen u. ſ. w. Was er ſonſt noch ſagt von dem beſtändigen Prüfen der Cenſur wegen, was den Unterricht zu einer qualvollen Notenmacherei mache, dem gedankenloſen Abſchreiben von Leſeſtücken, dürfte zu ſehr öſterreichiſche Verhältniſſe berühren, als daß es hier in Frage kommen könnte. Da ſich der Gegenſtand des Vortrags in vielem mit unſerem Kapitel berührt, ſo ſei es geſtattet, im folgenden etwas näher darauf einzugehen. ²)

Zu Anfang ſeiner Schrift klagt er darüber, daß in den erſten zwei Jahren nicht viel Selbſtändiges geleiſtet werde, und daß es an Berichten über die ſpäteren Unterrichtsjahre fehle. Der erſtere Einwand widerlegt ſich mit Leichtigkeit von ſelbſt, indem man von Schülern in jenem Alter noch keine ſelbſtändigen Leiſtungen erwarten kann. Über die Berechtigung des zweiten Vorwurfs haben wir bereits oben geſprochen. Ein Hauptgrund hierfür iſt vielleicht der, daß immer noch mehr nach alter Weiſe unterrichtet wird als man denken ſollte. Daß ferner die Leiſtungen im Mündlichen beſſer, im Schriftlichen ſchlechter geworden ſind, liegt in der Natur der Sache. Ein im weſentlichen mündlich verlaufender Unterricht wird ſich nicht durch abſolut fehlerfreie ſchriftliche Leiſtungen auszeichnen. Auch der Umſtand, daß jetzt die Stundenzahl erhöht wird, beweiſt nichts gegen die Methode, ſondern nur, daß man den ge⸗ ſteigerten Anforderungen auf einer Mehrheit von Gebieten durch geeignetere Stundenzahl gerecht zu werden ſucht.

Was Winkler von der Spracherlernung des Kindes ſagt, wird jeder unterſchreiben. Die Natur beginnt hier mit einzelnen Worten, nicht mit ganzen Sätzen. Dieſe Worte, die dem nächſten Anſchauungskreiſe des Kindes entnommen ſind, rufen für ſich ſchon einen voll⸗ ſtändigen Gedankeninhalt hervor und erweitern ſich allmählig zu kurzen Sätzen. Durch die große Intenſität der Vorſtellung der in Worte zu kleidenden Gedanken in Verbindung mit der zur Verfügung ſtehenden Zeitmenge bringt es ſchließlich das ſprachlich unbegabteſte Kind

¹) Winklerr: Hat die analytiſch⸗direkte Methode die Lehrerſchaft befriedigt? Mähr.⸗Oſtrau, Papau⸗ ſchek. 1898. ²) Vgl. hierzu auchNeuere Sprachen VI. Band p. 516 die Beſprechung Klinghardts.