7. das Verhältnis von Grammatik und Lektüre zu einander. Mit anderen Worten, es läge ſehr im Intereſſe einer organiſchen Ausbildung unſerer Methodik, wenn endlich einmal der Anfang gemacht würde zu einer genaueren Darlegung der unterrichtlichen Verhältniſſe jener Klaſſen, wo der Leſebuchunterricht die Herrſchaft über den Anſchauungsunterricht erhält..
Der geeignetſte Platz zu dergleichen Referaten wäre m. E. in den Schulprogrammen. Dieſelben enthalten ja oft ſoviel Unnötiges, daß für ſolche methodiſchen Aufſätze, die ja nicht groß zu ſein brauchten, ſich ſicher Raum finden müßte. Freilich iſt bei dieſen modernen Text⸗ unterſuchungen und Bearbeitungen weniger Ruhm zu erwerben als mit ähnlichen Forſchungen über Schriften des 13. und 14. Jahrhunderts, aber verdienſtvoller wären ſie entſchieden, weil ſie einem größeren Kreiſe in der Praxis thätiger Kollegen zu gute kommen, und wiſſen⸗ ſchaftlicher unter allen Umſtänden als die Aufſtellung eines Kataloges der Lehrerbibliothek! Wäre es wirklich ein ſo großes Verbrechen, das Werk eines Schriftſtellers— um die äußerſte Grenze zu bezeichnen!— als ſprachliches Lehrbuch zu behandeln? Hat es den Werken der. altklaſſiſchen Autoren etwas geſchadet, daß zu ihnen zahlreiche Kommentare, Schülerpräparationen, Bearbeitungen u. ſ. w. erſchienen ſind? Soll es ſo weiter gehen, daß jeder Lehrer wiederum von vorne anfängt, anſtatt die Arbeiten ſeiner Vorgänger zu benutzen, zu erweitern und zu verbeſſern? Derartige Verſuche könnten ja vielleicht zu einer ganz einfachen Löſung unſerer noch ſo unklaren Verhältniſſe führen. Immer wieder heißt es, man dürfe den Schriftſteller nicht zum Tummelplatz der Grammatik machen und die Freiheit bei der Behandlung des Leſeſtoffes müſſe gewahrt werden. Aber das ſind Phraſen, mit denen wir auf die Dauer nicht weiter kommen. Jede Abſonderlichkeit aus dem Autor zu excerpieren und dem Schüler einprägen zu wollen, wäre allerdings höchſt verfehlt. Allein die Gewinnung des dem Schriftſteller eigen⸗ tümlichen Gehaltes bezw. zunächſt eine Zuſammenſtellung des der Klaſſenſtufe entſprechenden ſprachlichen Anſchauungsmaterials in Verbindung mit Vorſchlägen, wie es auch dem Schüler zugänglich zu machen wäre, müßte doch endlich zu einem beſtimmten Plane führen, der den Vorzug hätte, beſſer zu ſein als gar keiner. Dadurch wäre wohl auch der leidigen Überbürdung des Lehrers in etwas wenigſtens entgegengearbeitet, und auch der Schüler würde dazu gebracht, ſich den Leſeſtoff genauer anzuſehen. Vielleicht kämen wir dann in abſehbarer Zeit dazu, eine Reihe ſolcher Monographien in Sammelwerken je für das Franzöſiſche und Engliſche zu ver⸗ werten, die ein wirklich„Berufener“ leiten könnte, und die ich mir nach Art des Frick⸗ und Polack'ſchen Werkes„Aus deutſchen Leſebüchern“ angelegt denke.
An Stoffen zu derartigen Arbeiten fehlt es ja nicht. Eines der nächſtliegenden Themen iſt der Bericht über den geleſenen Schriftſteller. Darzuthun, wie ſich die verſchiedenartigen Aufgaben des Unterrichts an demſelben erledigen bezw. nicht erledigen ließen, wäre gewiß keine allzuſchwere und ſicher lohnende Aufgabe. Nach Aufſtellung eines engeren Kanons für die einzelnen Anſtalten würde die Vorbereitung ſchwieriger Kapitel der Grammatik durch den unteren Kurſus nicht minder zu empfehlen ſein. Eine Feſtſtellung des wirklich einmal zum Bewußtſein der Schüler gelangten Wortvorrates event. nach beſtimmter Gruppierung würde mehr Klarheit über die Frage des anzueignenden oder wirklich erworbenen Wortſchatzes ver⸗ breiten und mindeſtens dasſelbe Anrecht auf Exiſtenz haben als die Zuſammenſtellung der Schüler nach Heimat und Abſtammung. Überſetzungsproben nach dem Muſter Münchs ¹)
¹) Münch„Die Kunſt des Üüberſetzens aus dem Franzöſiſchen“ in„Vermiſchte Aufſätze über Unter⸗ richtsziele“ 1888, S. 165 ff.


