Aufsatz 
Marryats Masterman Ready als Lesestoff der dritten Realschulklasse : 1. Teil
Entstehung
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das Notwendigſte beſchränkt und induktiv gelehrt werden, das Beſte ſei für die Schule gerade gut genug, der bekannte Weg vom Leichteren zum Schwereren wird angezogen und wie die Phraſen alle lauten. Selten finden wir ſtatt der allgemeinen Regeln das ermunternde konkrete Beiſpiel: verba docent-exempla trahunt!

Es muß den Fernerſtehenden bedünken, als ob im Lager der Neuphilologen doch etwas viel Worte gewechſelt würden und es endlich an der Zeit wäre, Thaten ſehen zu laſſen. Denn nicht unbedingt Lobenswertes hat dieſe Entwicklung der Dinge mit ſich gebracht. Statt der früheren Einheit und ſtraffen Ordnung, herrſcht jetzt eine Vielgeſtaltigkeit, die etwas von Syſtemloſigkeit an ſich hat. Dieſer Vorwurf iſt gewiß nicht unbegründet gegenüber der That⸗ ſache, daß in den 12 verſchiedenen Schulen eines Bezirkes oft 12 verſchiedene Lehrbücher gleichen Faches eingeführt ſind, und Schriftſteller aller Art in buntem Wechſel durcheinander geleſen werden. Die gute alte Zeit des Vater Ploetz(der für den engliſchen Unterricht wohl diejenige Plates entſprach) hatte doch den einen großen Vorteil einer Norm, die für beinahe unſer ganzes Vaterland galt. In allen deutſchen Gauen unterrichtete man nach dem⸗ ſelben Lehrbuche, und der Schüler, der von einer Anſtalt auf die andere überging, fand ſich leicht an dem neuen Orte zurecht. Auch den Schwächeren und Zurückgebliebenen bereitete das Bei⸗ und Nacharbeiten keine allzugroßen Schwierigkeiten. Außerdem hatte man nur eine beſchränkte Zahl von Schriftſtellern, die überall geleſen wurden. Eine in jeder Hinſicht geſunde Generation gewann daraus ¹) jene Bildung des Gemütes und Schulung des Geiſtes, die als nationaler und wirtſchaftlicher Aufſchwung unſeres Vaterlandes ihre Früchte zeitigten. Doch heute müſſen wir leider zugeſtehen, daß trotz der Bemühungen der Lehrer und wirklich vorhandener Fortſchritte der Methodik ein Rückgang der Leiſtungen unſerer Schüler unver⸗ kennbar iſt. Vielleicht hat gerade der Umſtand, daß den Lernenden der Stoff in einer Weiſe dargeboten wird, die kaum noch ernſte geiſtige Arbeit erfordert, dazu beigetragen, daß die Leiſtungen nicht mehr auf der Höhe früherer Zeiten ſtehen, die ſich immerhin durch einen feſt eingeprägten Wiſſensſchatz auszeichneten. Die Schule gehorchte hierin der nur allzu humanen Zeitſtrömung ²), als deren Folge ſich heute die im öffentlichen Leben oft beklagte geringere Leiſtungsfähigkeit und Arbeitskraft der jungen Leute zeigen. Selbſtverſtändlich war die un⸗ ausbleibliche Folge eine Mehrbelaſtung der Lehrer, insbeſondere derjenigen der neueren Sprachen. Und wenn dies ſowohl in der Fachpreſſe als auch gelegentlich in Tagesblättern hinreichend anerkannt wird, ſo geſchieht es oft genug mit dem bedauernden Eingeſtändnis, daß der Aufwand an Arbeit ſeitens der Lehrer meiſt nicht im Einklang ſtehe mit den er⸗ rungenen Reſultaten. Ich glaube wohl nicht zu irren, wenn ich als einen der Hauptgründe hierfür den Umſtand bezeichne, daß der Boden für einen erſprießlichen Betrieb der neueren Sprachen insbeſondere der Lektüre noch nicht geebnet iſt, und hier gälte es, das Wort Wehr⸗ manns zur Ausführung zu bringen:Die Arbeitskraft aller Fachgenoſſen auf dieſes Feld zu

¹) ſelbſtverſtändlich unbeſchadet der Bedeutung der übrigen Lehrfächer!

²) Erfreulicherweiſe machen ſich hier bereits allerwärts die Anzeichen eines Rückſchlages geltend. Schon vor 4 Jahren ſchreibt Prof. Bahrs(Die gegenwärtigen Ziele im neuſprachlichen Unterricht auf dem Realgymnaſium und ihre Erreichbarkeit, Deſſau 1895) p. 18:Wenn nicht alles trügt, ſo mehren ſich die Zeichen dafür, daß das SchlagwortÜberbürdung ſeine Blütezeit hinter ſich hat, und daß ſeine Preſtige in demſelben Maße abnimmt, wie jene übertriebene, weichliche und undeutſche Humanitätsſchwärmerei, die ſeit einer längeren Reihe von Jahren in Deutſchland Mode geworden iſt.