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nach Genuss zu den grössten Schäden unserer Tage gehört, und— man täusche sich darüber nicht— auch bei den bestgearteten Knaben ist meist der Wille nicht stark genug entwickelt, um den vielfachen Verlockungen einen energischen und dauernden Widerstand entgegen zu setzen, weil ihnen vielfach eine innere Herzensüberzeugung fehlt und die Liebe zum Guten, der Abscheu vor dem Laster nicht tief genug eingeprägt sind. Der vielbeschäftigte Vater, die vielbeschäftigte Mutter, sie finden keine Zeit dazu, ihrem Kinde das allernotwendigste mitzugeben für die Lebens- bahn. Und die Schule? Der Lehrer ist froh, wenn der Lernstoff glücklich bewältigt, wenn„Sein Pensum“ glücklich absolviert ist. Und die Folgen— sie liegen am Tage, und die Protokolle über die Schülerverbindungen setzen sie in die nötige Beleuchtung.
Aber ein Hauptgrund zu dieser Erscheinung liegt noch darin, dass man überhaupt in unserer Zeit nicht genug Wert darauf legt, durch Kräftigung des Willens unsere Jugend gegen die Schäden des heutigen Lebens zu schützen. Gar manches kann geschehen, um diesem Übelstande abzuhelfen.*) Hier kann ich nur auf eines aufmerksam machen, wozu mir ein oben erwähntes Wort Friedrichs des Grossen(S. S. 18) Veranlassung giebt. Eindringlich warnt der König davor, die Leidenschaften der Kinder zu zerstören; sie zu mässigen und in die rechte Bahn zu leiten, das sei das Richtige und Naturgemässe. In der That wird durch die richtige Behandlung einer vorhandenen Leiden- schaft, die sehr oft nur falsch geleitete Energie ist, der Wille gebildet und gestärkt. Dazu gehört freilich, dass man sich mit dem einzelnen Kinde eingehend beschäftigen kann, und dies ist bei der Überfüllung unserer Schulen leider oft unmöglich. An und für sich ist dies schon schlimm genug, aber die heutige Erziehung geht, wie mir scheint, auch ohne das mehr als nötig darauf aus, das Wesen der Schüler allzu gleichmässig zu gestalten, wodurch der naturgemässen Entwicklung des einzelnen hinderlich in den Weg getreten wird. Die Ubertragung militärischer Grundsätze auf die Schule ist zu unserer Zeit kein geringerer Fehler, als sie ein Fehler bei der Erziehung des grossen Königs gewesen ist, dessen Ansichten, die sich auf eigenste Erfahrung stützten, wir oben ange- führt haben. Eine gleichmässige Ausbildung der Jugend ist zwar in gewissem Sinne ein Bedürfnis, da das moderne Staatswesen Beamte nötig hat, die gewissermassen durch schablonenhafte Thätig- keit ihrem Dienste am besten gerecht werden, aber es ist nicht genug zu beklagen, dass der originelle Geist der Jugend von Tag zu Tag mehr schwindet und schliesslich auch bei den Er- wachsenen eine Gleichmässigkeit des Denkens und Fühlens entstehen muss, die jeden selbständigen Gedanken, jede selbständige Handlung des einzelnen immer mehr erschwert. Aber nicht nur pflichttreuer und geübter Beamten bedürfen wir, sondern unsere ernste Zeit erfordert vor allem auch selbständig denkende, kühn und entschlossen handelnde Männer. Die grossen Männer, die Deutschlands Macht begründet, sie wurzeln mit ihrem geistigen Leben in einer für unsere Jugend längst entschwundenen Zeit, deren Schwächen wohl genugsam verspottet, deren Tugenden aber bei weitem nicht genug gewürdigt werden..
Die Besorgnis, dass das deutsche Volk in Gefahr ist, seinen kostbarsten Hort, sein reiches und tiefes Gemüt zu verlieren, auf dem alle seine anderen Tugenden hauptsächlich beruhen, ist leider nicht unbegründet. Die besten Fähigkeiten verkümmern, wenn wir sie nicht üben und pflegen, sittliche und religiöse Tugenden sterben ab, wenn ihnen die Wurzel in der Tiefe unseres
*) An anderer Stelle hoffe ich später meine Ansichten über alle die hier nur kurz berührten Fragen eingehender und ausführlicher aussprechen zu können.


