Aufsatz 
Über Erziehung und Charakterbildung im Hause Hohenzollern / Endemann
Entstehung
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das Wohl eines Staates mit in erster Linie auf der Zufriedenheit seiner Bürger beruht. Dies aber kann nur erreicht werden, wenn Herz und Gemüt der Jugend in naturgemässer Weise berück- sichtigt wird. Mit Ausnahme gewisser Fächer, die sich entweder bloss auf technische Fertigkeit oder den blossen Verstand stützen, bietet sich bei jedem Unterrichtsgegenstand reichliche Gelegen- heit, in gemütlicher Hinsicht anf die Schüler einzuwirken, und es dürfte kaum zweifelhaft sein, dass ein in dieser Weise gehandhabter Unterricht ein ganz anderes Gefühl der Befriedigung hinterlassen wird und vor allem geeignet ist, ein innigeres Band des Vertrauens zwischen Lehrern und Schülern zu begründen. Wir haben es oben ausgesprochen und durch das Beispiel der Hohenzollern be- wiesen: wirklich segensreich kann wie für den Erwachsenen so noch in höherem Grade für die noch weicher fühlende Jugend nur die Arbeit sein, welche mit Kopf und Herz zugleich geschieht und deshalb auch das Gefühl der Freude und des Genusses hervorruft, während eine einseitige Anspannung der Verstandeskräfte, wie sie leider heute vielfach in der Schule herrscht, notwendig das Gefühl der Ermüdung und des Überdrusses zur Folge haben muss. Dass die Klagen über Überbürdung unserer Schuljugend trotz aller eingehenden Untersuchungen, trotz vielfach geschaffener Abhülfe, nicht weichen wollen, obwohl sie gewiss in der Weise, wie sie vorgebracht werden, kaum Berechtigung haben, erkläre ich mir hauptsächlich aus diesem Umstande, und leite nicht minder auch die Erscheinung daraus her, dass die meisten jungen Leute unserer Tage das in der Schule Gelernte, nachdem sie derselben kaum den Rücken gewendet, als unnützen und überflüssigen Ballast von sich werfen, in dem gewiss nicht ganz unberechtigten Gefühle, dass diese Dinge doch nicht eigentlich ihr geistiges Eigentum geworden, dass es, um mich mit Friedrich dem Grossen auszu- drücken, unverdaute Kenntnisse sind, da sie nicht zugleich vom Gemüte erfasst und somit nicht geistig durchdrungen waren. Am allerbeklagenswertesten aber scheint es mir, wenn der Religions- unterricht, der sich doch vorzugsweise an das Gemüt der Schüler wenden und es sich zur Aufgabe machen sollte, wahrhaft sittliche und religiöse Ideen in ihnen zu erwecken und zu pfiegen, was so dringend not thut gerade in unseren Tagen, die Dogmatik so überaus in den Vordergrund stellt und den Verstand mit Theologie, anstatt das Gemüt mit Religion beschäftigt. Man beherzige doch. welchen Erfolg einst die nämliche Methode bei Friedrich dem Grossen gehabt hat! Wir können es nicht ändern, und es hat gewis auch sein Gutes gehabt, wenn vergangene Jahrhunderte ihre Zeit mit dogmatischen Streitigkeiten hingebracht, aber wir unserseits sollten unsere Aufgabe darin finden, die Jugend vor allem zu belehren, wie der wahre Geist der Lehre Jesu, die ewigen Wahr- heiten der Religion der Liebe, von den Menschen noch lange nicht genug begriffen und ge- würdigt sind.

Aber aus der Beschaffenheit des Gemütes gehen uicht nur die Neigungen des Menschen und infolge davon auch seine Handlungen hervor, zum grossen Teile beruht auch auf ihr die Festigkeit des Willens. Wir hatten oben bei der Darstellung der Charakterentwicklung des Grossen Kur- fürsten Gelegenheit, zu bemerken, wie aus seiner wahren Frömmigkeit, aus dem in seinem Herzen begründeten Abscheu vor der Sünde auch die Willenskraft hervorging, die es ihm ermöglichte, der Verführung erfolgreichen Widerstand zu leisten. Auf der anderen Seite sahen wir, wie Friedrich der Grosse, dessen Herz bei all den dogmatischen Belehrungen von dem eigentlichen Geiste des Christentums leer geblieben war, als Jüngling der ersten an ihn herantretenden Versuchung erlag. Unsere heutige Zeit ist nicht minder, und in mancher Beziehung weit mehr als die damalige, dem willensschwachen Knaben und Jüngling gefährlich. Nur zu unverkennbar ist es, dass das Streben