Aufsatz 
Über Erziehung und Charakterbildung im Hause Hohenzollern / Endemann
Entstehung
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haltigkeit verlieh, in ihnen eine Kraft und Wärme des Gefühls, eine Stärke des Willens erzeugte, die jeder Gefahr, jedem Hindernis Trotz bot. Damit ist ein klarer scharfer Blick für die praktischen Verhältnisse verbunden, der einen jeden über die ihm gewordene Aufgabe belehrte und ihm das in jedem Falle Notwendige rasch an die Hand gab. Wir haben es namentlich bei Friedrich Wilhelm I. hervorgehoben, dass er sich der Richtung seiner Leistungsfähigkeit klar bewusst war und daher auch, weil er die ihm verliehene Kraft auf einen bestimmten Wirkungskreis concentrierte, sein grosses Werk der Reorganisation durchzuführen im stande war.

In der glücklichen Vereinigung einer wahrhaft idealen Gesinnung mit einem klaren, auf das Reale gerichteten Verstande erblicke ich somit die Hauptursache für das Emporsteigen des Hauses der Hohenzollern; ihr wesentlichstes persönliches Verdienst aber ist es, dass sie die ihnen ver- liehenen Gaben durch eine vernunftgemässe Erziehung und steten Gebrauch gefördert und zum möglichsten Grade der Vollkommenheit auszubilden gesucht haben. Was für Folgerungen aber ergeben sich aus unseren Betrachtungen für die heutige Erziehung?

Wie im Leben überhaupt, so giebt es auch in der Erziehung Grundwahrheiten, die für alle Zeiten ihre Geltung behaupten, aber nur die Erziehung wird wahrhaft wirksam sein können, die sich auf eine genaue Kenntnis des Zeitgeistes und eine entsprechende Würdigung der Zeitverhältnisse zu stützen vermag. Das Wesen einer Zeit zu verstehen, ihre Tugenden zu erkennen und dieselben, soweit sie bei der Jugend in Betracht kommen, zu fördern und auszubilden, nicht minder aber ihre Fehler zu ergründen, sie zu beseitigen oder wenigstens zu beschränken ist die Aufgabe einer gesunden Pädagogik.

Die Geschichte hat Perioden aufzuweisen, in denen z. B. das Gefühlsvermögen in unnatür- licher Weise die Gesellschaft beherrschte und den Menschen einen weichlichen und unmännlichen Charakter aufdrückte, nicht minder solche, in denen eine in übertriebener, fast krankhafter Weise ausgebildete Phantasie die Völker zu abenteuerlichen, uns jetzt kaum begreiflichen Unternehmungen hinriss, die auf den Gang der Geschichte einen gewaltigen, Einfluss ausübten. In unseren Tagen ist der Verstand der Beherrscher der Welt geworden, und die Vorzüge unserer Zeit sind zweifels- ohne in diesem Umstande begründet. Niemand wird es leugnen wollen, dass natur- und vernunft- gemäss der Verstand das leitende Princip sein muss, aber wer mit vorurteilsfreiem Blicke die Verhältnisse der Gegenwart ins Auge fasst, darf sich der Erkenntnis nicht verschliessen, dass die heutige Erziehung in dieser Richtung des Guten zu viel thut und auf Kosten der anderen Eigen- schaften unseres Geistes der einseitigen Verstandesausbildung in allzuhohem Grade huldigt.

Das Wissen macht es nicht, sondern der Geist und die Tugend lautet ein oben bereits angeführtes Wort der Kurfürstin Luise Henriette; und in der That werden wir unsere wirkliche Aufgabe und Bestimmung nie fühlen und achten lernen, ich lehne mich hier an ein bekanntes Wort Walter Scotts an wenn wir nicht dahin kommen, im Vergleich zu der Bildung des Herzens jede andere als Nebensache zu betrachten. Bei der Besprechung der Ansichten Friedrichs des Grossen wiesen wir darauf hin, dass die Meinung, aus dem Wissen des Guten gehe die Tugend hervor, eine irrige sei. Der Verstand erleuchtet die Seele, aber er erwärmt sie nicht, und ohne Wärme ist eine gesunde Entwicklung, ein fröhliches Gedeihen, wie in der Natur, so auch auf dem Gebiete des Geistes, nicht denkbar. Gewiss ist es unsere Aufgabe, verständige und kluge Menschen zu erziehen, aber wir dürfen nicht übersehen, dass es der Hauptzweck aller Erziehung ist, gute und tugendhafte, und ich möchte hinzufügen, auch zufriedene und glückliche Menschen zu bilden, da