Aufsatz 
Über Erziehung und Charakterbildung im Hause Hohenzollern / Endemann
Entstehung
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durch thätige Nächstenliebe, nutzen- und segenbringende Thätigkeit ihr Volk zu fördern, und so durfen wir gerade darin, dass ihr Glaube kein toter war, sondern so edle Früchte trug, die beste Gewähr dafür finden, dass ihr Christentum ein wahres und echtes gewesen ist. Und gerade in diesem Punkte berührt sich auch Friedrich der Grosse auf das innigste mit seinen Vorfahren, wenn er in der Moral und in der thätigen Ausübung der christlichen Lehre den Hauptwert derselben findet und als den Gipfel der Tugend die vollkommenste Selbstlosigkeit bezeichnet. Unter- drückung der eigenen Neigungen und Leidenschaften, Herrschaft über die eigene Sinnlichkeit haben jene grossen Männer als unbedingt notwendig für einen Regenten betrachtet und einen ehrenhaften Wandel, eine ehrenfeste Sittlichkeit, die sich eben auf ihre religiöse Überzeugung über ihre Ver- antwortlichkeit Gott gegenüber gründete, als erste Bedingung zu einer gesegneten Regierung angesehen..

Auf religiösem Grunde beruht auch diejenige Eigenschaft, die am deutlichsten an ihnen aus- geprägt erscheint, ihr Pflichtgefühl. Gewissenhaftere, berufstreuere und fleissigere Fürsten als jene preussischen Regenten kennt die Geschichte nicht, und nur um so höher sind diese Eigenschaften an ihnen zu schätzen, weil sie aus der Tiefe ihres Herzens entsprangen, aus der Überzeugung, dass Gott die Regenten zur Arbeit erschaffen und ihnen somit die heilige Pflicht auferlegt habe, mit ihrer ganzen körperlichen und geistigen Kraft dem Wohle ihres Landes zu dienen; so erklärt sich die Begeisterung für ihren Beruf, die nie ermattende Arbeitslust, die sie auch die grössten Anstrengungen verhältnismässig leicht überwinden liess, da ihnen die Arbeit auch reinen Genuss zu gewähren vermochte und sie selbst immer neue Kräfte aus der Thätigkeit selbst zu schöpfen im stande waren. Diesen Geist der Arbeitsamkeit übertrugen jene grossen Männer auf ihre Um- gebung und ihre Nachkommen und können für alle Zeiten als Muster einer segensreichen Thätig- keit, einer wahrhaft sittlichen Arbeit betrachtet werden. Aber auch darin können sie zum Vorbilde dienen, dass sie die Heiligkeit der Familie und deren grosse Bedeutung für ein sittliches Leben voll würdigten und die gleiche Überzeugung ihren Söhnen einzupflanzen suchten. Fast in keiner anderen Beziehung tritt es deutlicher hervor, dass diejenigen, welche an den überkommenen Grund- sätzen der Familie festhielten, Glück und Segen davon ernteten, während diejenigen, die davon abwichen, dies zu eigenem Schaden gethan haben. Was speciell Friedrich den Grossen betrifft, so ist es in seinem eigenen Interesse nicht genug zu beklagen, dass er auf das Glück eines Familienlebens hat verzichten müssen; die Schuld aber lag daran, dass sich sein Vater, in bester Meinung freilich, verleiten liess, jenen an sich so richtigen Grundsatz in unangemessener Weise durch einen Zwang zur Ehe in Ausführung zu bringen. Aber auch Friedrich, mögen manche seiner mündlichen Ausserungen auch anders klingen, hat die Wichtigkeit der Ehe warm anerkannt, niemand hat vor allem dem echt bürgerlichen Geiste, der im Hohenzollernhause namentlich bei der Erziehung der Kinder hervortrat, mehr Anerkennung widerfahren lassen als er. In der That hat die strenge Zucht, in der die Prinzen erzogen, die Art und Weise, wie sie namentlich zur Ordnung, zur Mässigkeit und Genügsamkeit, zu allen häuslichen und bürgerlichen Tugenden angehalten wurden, für ihr Leben und Wirken die segensreichsten Folgen gehabt.

Es lässt sich nicht verkennen, dass die Hohenzollern von Natur mit einer besonderen Be- anlagung bedacht waren. Ein idealer Grundzug, den sich der Mensch nicht selbst zu geben ver- mag, der ihm angeboren und anerzogen sein muss, tritt namentlich bei den grossen Herrschern

des Hauses deutlich hervor, der ihnen bei Ausführung ihrer Unternehmungen die nötige Nach- 3*