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und Musik empfiehlt er aufs angelegentlichste, da alle diese Dinge die Sitten bilden und veredeln. 4
Eine strenge Zucht ist notwendig, aber sie soll mit Milde gepaart sein.„Ubel angebrachte Güte freilich ist Schwäche, wie übermässige Strenge ein Verbrechen ist. Beide Extreme sind zu vermeiden, obwohl es nur der Fehler eines sehr edlen Herzens ist, eine übertriebene Milde zu besitzen.“ Weichliche Erziehung macht weibisch und niederträchtig. Vor allem soll die Jugend vor schlechtem Umgang behütet werden, da das Laster, namentlich in grösseren Städten, wie eine Epidemie um sich greift. Die Erziehung soll ferner, soweit dies möglich, eine individuelle sein; sie allein kann zum gewünschten Ziele führen. Ausdrücklich warnt er davor, die Leidenschaften des jugendlichen Charakters zu zerstören; man suche sie vielmehr zu mässigen und in die rechte Bahn zu lenken, wodurch sich die segensreichsten Erfolge erzielen lassen.
Dies sind im grossen und ganzen Friedrichs Ansichten über Erziehung. Was er in betreff der einzelnen Unterrichtsfächer, über ihre Lehrmethode und ihren praktischen Nutzen dachte, das auseinanderzusetzen, muss ich mir hier versagen und verweise jeden, der sich hierfür interessiert, auf die Schrift von Jürgen Bona Meyer„Friedrich des Grossen pädagogische Schriften und Ausserungen,“ in der sich das gesamte Material vorfindet. Am interessantesten und für des Königs gesamte Auffassung am bezeichnendsten sind seine KAusserungen über den Geschichtsunterricht, die sich jeder Lehrer zur Richtschnur dienen lassen könnte.
Wir haben am Eingang unserer Abhandlung die Frage aufgeworfen, welchen Eigenschaften die Hohenzollern das Emporsteigen ihrer Macht zu danken haben, worin gewissermassen psychologisch das Wachstum ihres Hauses begründet sei. Wenden wir uns zu ihr zurück!
Aus dem über Friedrich den Grossen Gesagten ergiebt sich, dass er innerhalb seines Hauses in mehrfacher Beziehung eine Sonderstellung einnimmt, auf die er auch schon vermöge seines Genies einen gewissen Anspruch besitzt. Namentlich weicht er in seinen religiösen Anschauungen nicht unwesentlich von seinen Vorfahren ab; indes dürfte der Unterschied trotzdem nicht so be- deutend sein, als es auf den ersten Blick den Anschein hat, und vielleicht mehr die Worte als die Sache betreffen. Auch Friedrich ist in gewissem Sinne eine religiöse Natur; er glaubt an Gott und die Unsterblichkeit der Seele gleich seinen Vorfahren, allein er ist von diesem Glauben nicht so durchdrungen, dass derselbe ihm, wie jenen, das eigentliche geistige Gepräge aufgedrückt hätte. Mag man ihn immerhin ausnehmen, so geht doch sonst durch das gesamte Haus der Hohenzollern ein Zug tiefer Religiosität, einer echt christlichen Gesinnung.
Es ist, um von vielem nur weniges zu erwähnen, bezeichnend, dass der Wahlspruch des ersten Kurfürsten aus dem Hause Hohenzollern, Friedrich I., lautete:„Wer Gott vertraut, den ver- lässt er nicht,“ es ist bezeichnend, wenn der Grosse Kurfürst seinem Erben ans Herz legt, dass in der Gottesfurcht die höchste Politik inbegriffen sei, und nicht minder, wenn Friedrich Wilhelm I. das Wort ausspricht:„Wenn ich das Land baue und bessere und mache keine Christen, so hilft mir alles nichts,“ und wie manches Wort unseres Kaisers könnten wir dem an die Seite stellen! Das gesamte Hohenzollernhaus ist durchdrungen von dem Hauche tiefer, unverfälschter Frömmigkeit, die zum Teil ein geistiges Erbe der Familie ist, das durch die Erziehung auf das sorgsamste ge- pflegt und gefördert wurde, aber auch in dem einzelnen durch die Erfahrungen des Lebens zum geistigen Eigentum, zur persönlichen Überzeugung sich gestaltete. Aber ihr Streben ging vor allem da hinaus, die religiösen Grundsätze des Christentums auch praktisch zur Geltung zu bringen,


