Aufsatz 
Über Erziehung und Charakterbildung im Hause Hohenzollern / Endemann
Entstehung
Einzelbild herunterladen

16

sittlicher Grundsätze mit so überzeugter Herzenswärme spricht, deutlich erkennen lässt, dass der Erzieher sich oft und mit Nachdruck an das Gemüt des Kindes wenden soll, so scheint er doch immer das Hauptgewicht auch bei dieser Frage auf die Bildung des Verstandes zu legen. Nament- lich betont er immer wieder, dass der Erzieher sein Hauptaugenmerk darauf zu richten habe, die Selbständigkeit des Denkens in dem Zögling anzuregen. Wir hören es gern, wenn er immer von neuem vor dem gefährlichen System warnt, die Köpfe der jungen Leute mit Kenntnissen anzu- füllen, die in keiner inneren Beziehung zu ihnen stünden, die unverdaut und unverstanden nur den wirklich nützlichen Dingen den Weg in die Seele versperrten, wenn er hervorhebt, dass ohne tüchtig geschulte Urteilskraft ein wirkliches Wissen nicht möglich, dass Kenntnisse ohne Urteil tot, zum Leben unverwendbar seien, wir können es verstehen, wenn er das selbständige Denken in erster Linie erzielen will durch den Unterricht in der Dialektik, da diese Wissenschaft unserem Geiste Beweglichkeit verleihe, verworrene und unbestimmte Begriffe in uns beseitige, uns das korrekte Wort, Bestimmtheit im Ausdruck an die Hand gebe, mit einem Wort klar zu denken und zu sprechen lehre und darum auch als notwendige Folge Klarheit des Handelns nach sich ziehe; allein manchem seiner Aussprüche nach zu urteilen, erwartet er von diesem Unterrichtszweig doch allzuviel Heil, wenn er meint, dass aus der Erkenntnis des Guten und wahrhaft Nützlichen, die sich daraus gewinnen lasse, auch die guten Handlungen entspringen müssten. Freilich darf man Friedrichs Ausserungen in dieser Hinsicht nicht immer allzuscharf auffassen, zumal er und das liegt in seiner natürlichen Entwicklung über denselben Gegenstand nicht immer in gleicher Weise dachte; dies zeigt sich besonders deutlich in seinen Anschauungen uͤber Religion und Kirche.

An Friedrichs oben angeführten Aussprüchen ist besonders charakteristisch, dass er da, wo seine Voreltern von Gott und Religion sprechen würden, den abstrakten Tugendbegriff einführt. Friedrich war und die Gründe dafür sind oben erörtert der Kirche entfremdet worden und hat bis in sein hohes Alter allen kirchlichen Dingen mit einer gewissen Antipathie gegenüber gestanden. Indes war er keineswegs ein Gegner der christlichen Lehren, sondern hat sich, wenn man Liebe und Milde als die Grundsäulen des Christentums betrachtet, vielmehr durch sein ganzes Leben hin praktisch als dessen treuesten Anhänger bewiesen. Aber die Religion ist ihm weniger Herzenssache als Sache des praktischen Nutzens.Die beste Sekte, sagt er,wird für mich die sein, die am meisten auf die Sitten einwirkt und die bürgerliche Gesellschaft milde und tugendhaft macht. Das ist meine Denkungsart. Sie hat einzig das Glück der Menschen und den Vorteil der Gesellschaft im Auge.*) Wohl fehlte es in seinem bewegten Leben nicht an Augenblicken, in denen er die trostspendende Macht der Religion und ihren segensreichen Einfluss auf das mensch- liche Gemüt fühlt und anerkennt; im allgemeinen aber erblickt er nur in der Moral des Christen- tums seinen eigentlichen Wert;aber, sagt er,Jesus lehrte Geduld, wir verfolgen; Jesus lehrte Sittlichkeit, wir üben sie nicht; Jesus gab keine Dogmen, die Concilien machten dergleichen. Was Du willst, dass die Leute Dir nicht thun sollen, das thue auch ihnen nicht in diesen Worten sei die Quintessenz der christlichen Lehre zu suchen. Thatkräftige Nächstenliebe ist ihm wie einst seinem Vater das Hauptgebot; diese und in Verbindung damit die Liebe zum Vaterlande feiert er in begeisterten Worten.

So hoch und edel die Gesinnung ist, die sich in den angeführten Worten Friedrichs aus-

*) Vergleiche auch die oben angeführten Verse des Königs.