Aufsatz 
Über Erziehung und Charakterbildung im Hause Hohenzollern / Endemann
Entstehung
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desselben Tages verwelkt, der sie am Morgen blühen liess. Unter den Menschen von Verdienst sind diejenigen die ersten, die das Gute aus Liebe um des Guten willen thun, welche der Tugend und Gerechtigkeit aus innerem Antriebe folgen und in allen Handlungen sich gleich bleiben. Liebe zur Tugend den jungen Leuten einzuflössen, ist allen unverdauten Kenntnissen vorzuziehen, mit denen man den Kopf eines jungen Menschen aunzufüllen strebt.

Ich füge den angeführten Ausserungen des Königs noch eine Stelle aus seinem Gedichte über den Tod des Grafen Moritz von Sachsen bei, die mir für seine Anschauungen in mehr- facher Beziehung charakteristisch erscheint.(Übersetzung von Preuss.)

Nie hat ein edler Mann gefragt, ob andre Welten

Die Tugend, der er folgt, vergelten,

Ob sie dem Laster, das er fliehet, drohn;

Er findet an sich selbst den reinsten, höchsten Lohn.

Und mag auch immerhin ihn einen Thoren schelten

Der groben Sinnlichkeit, des Wuchers list'ger Hohn,

Das Gute thut er um des Guten willen,

Nicht um die niedre Gier der Selbstsucht nur zustillen.

Er hasst das Laster, das sich selbst am Herzen frisst,

Er liebt die Tugend, weil sie liebenswürdig ist,

Er übt, der Wahrheit treu, mit Kraft und Ernst das Gute, Was der Gesellschaft nützt, er beut mit heitrem Mute

Die Hand dem Tod, der ihn als Freund begrüsst.

O sanftes Licht, mit dem die Sonne Abschied nimmt

Vom Erdenball, wenn ihre Abendstrahlen

Den Horizont im Westen herrlich malen!

So stirbt der Menschenfreund! Sein Lebenslicht verglimmt,

Er blickt zurück, versöhnt mit allen Qualen,

Die er durchlief. Sein letzter Seufzer schwimmt

Der Nachwelt zu: Einst grösser wird auf Erden

Der Tugend Macht, das Glück der Menschen werden.

Wie soll man nun zu der von ihm so warm gepriesenen Tugend gelangen? Es bleibt zweifelhaft, ob Friedrich sich hierüber klar gewesen ist. Der natürliche Weg dazu war der, den seine Vorfahren einschlugen, durch Erweckung und warme Pflege des religiösen Gefühls Herz und Geist des Kindes zu erwärmen und zu veredeln und es dadurch zum wahrhaft sittlichen Wesen auszubilden. Dass Friedrich der Bildung des Herzens und Gemütes keinen geringeren Wert beimisst als seine Vorfahren, geht schon aus den angeführten Ausserungen zur Genüge hervor, und er betont es zudem mehrfach ausdrücklich, dass der Mensch im allgemeinen mehr für Gemüt als für den Ver- stand beanlagt sei, allein er scheint sich jenen gegenüber mehr auf den Sokratischen Standpunkt von der Lehrbarkeit der Tugend zu stellen und das ihm vorschwebende Ziel mehr auf dem Wege der Verstandesbildung erreichen zu wollen. Obwohl das, was er gelegentlich über die Handhabung des Geschichtsunterrichts, über die Anleitung der Kinder zur Vaterlandsliebe, Einprägung wahrhaft.