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gerichtet. Aber seine Unterthanen galten ihm als seine Kinder, und auf ihre Bildung und Erziehung hat er als wahrer Landesvater die grösste Sorgfalt verwendet, ist ihnen nicht nur ein Vorbild gewesen, sondern hat auch direkt erziehlich auf sie eingewirkt. Wer sich genauer über diesen Gegenstand belehren will, den verweise ich auf das inhaltreiche und fleissige Buch von Konrad Fischer,„Friedrich der Grosse als Erzieher seines Volkes“, und beschränke mich an dieser Stelle darauf, seine Grundsätze kurz klarzulegen.
Friedrich tadelt wiederholt auf das härteste die Nachlässigkeit, mit der vielfach die Bildung des Volkes betrieben werde; man gäbe sich, meint er, alle erdenkliche Mühe, alle möglichen Ge- wächse und fremde Früchte zu erziehen, auf die Erziehung des Menschen, die doch ungleich wichtiger sei, verwende man dagegen wenig Sorgfalt.„Ich bin der Überzeugung“ sagt er,„dass ein weiser Fürst all seinen Eifer daran setzen muss, um in seinen Staaten nützliche und tugend- hafte Bürger zu erziehen.“— Den Adel ermahnt er, dafur zu sorgen, dass man an seinen Kindern ihren Charakter, ihr Herz, ihre Talente, ihre Kenntnisse, nicht ihren Reichtum schätze. Die Fehler der damals in den besseren Kreisen üblichen Erziehung legt er rücksichtslos bloss. Die Bildung durch die Hauslehrer, die meist selbst noch der Leitung bedürften, sei eine oberflächliche, auf das Kusserliche gerichtete.„Der junge Telemach lernt seinen Katechismus, Latein, mit aller Gewalt ein wenig Geographie, die französische Sprache durch den Gebrauch. Vater und Mutter klatschen Beifall zu dem Meisterstück, das sie der Welt geschenkt haben, und aus Furcht, dass die Gesundheit dieses Phönix leide, wagt niemand ihn zu tadeln.“ Wenn er dann das Gymnasium beziehe, werde das oberflächlich auswendig Gelernte über den neuen Ideen rasch vergessen. Dort finde er zwar in ihrer Art tüchtige Lehrer;„der einzige Tadel, den man ihnen vorwerfen kann, ist vielleicht, dass sie sich nur einzig und allein bemühen, das Gedächtnis ihrer Schüler anzufüllen, dass sie dieselben nicht zum Selbstdenken gewöhnen, dass man nicht frühzeitig ihr Urteil übt, und dass man ihren Geist zu heben und ihnen edle und tugendhafte Gefühle einzuflössen vernachlässigt.“
Den Familienvätern ruft er warnend zu:„Liebt Eure Kinder, aber liebt sie mit einer ver- nünftigen Liebe, die sich auf ihr wahres Wohl richtet. Sehet diese jungen Geschöpfe als ein heiliges Pfand an, das die Vorsehung Euch anvertraut hat. Bildet ihre Sitten, prägt ihnen tugend- hafte Empfindungen ein, erhebt ihren Geist, macht sie arbeitsam, bildet sorgfältig ihre Vernunft, damit sie ihre Schritte überlegen, damit sie weise und vorsichtig werden, damit sie Einfachheit und Mässigkeit lieben.“
In diesen Worten drückt sich seine Grundansicht über die Erziehung aus. Rechte Liebe zur Tugend, zur wahren Sittlichkeit einzupflanzen, das ist die Hauptaufgabe der Erziehung und des Unterrichts. Ohne Tugend gibt es weder wahren Ruhm noch wahre Grösse; sie ist das festeste Band der Gesellschaft und die Quelle der öffentlichen Wohlfahrt.„Der Lehrer soll von dem Grund- satz ausgehen, dass die Tugend nützlich, sehr nützlich demjenigen ist, der sie übt; es wird ihm leicht sein, zu zeigen, dass ohne Tugend die Gesellschaft nicht bestehen könnte; er wird den Gipfel der Tugend als die vollkommenste Selbstlosigkeit erklären, welche die Ursache wird, dass man seine Ehre dem eigenen Nutzen vorzieht, das allgemeine Wohl dem eigenen Vorteil und das Heil des Vaterlandes dem eigenen Leben.“ Insonderheit haben daher die Lehrer die Schüler davor zu bewahren, den edlen Eifer zum Wohle der Menschheit mit persönlichem Ehrgeiz zu verwechseln, der durchaus verwerflich ist.„Die ruhmsüchtigen Leute sind wie jene Holländer, die bedeutende Summen darauf verwandten, eine Blume zu erziehen, deren flüchtige Schönheit an dem Abend


