Aufsatz 
Über Erziehung und Charakterbildung im Hause Hohenzollern / Endemann
Entstehung
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seines Vaters, seiner Mutter, seiner Erzieher, unendlich mehr aber hat Friedrich, eine originelle Natur durch und durch, seiner eigenen Selbsterziehung zu verdanken. lai

In den eigentlichen Grund von Friedrichs Charakter einzudringen, ist schwierig. Wegen seiner grossen Vielseitigkeit wird dem einen diese, dem andern jene Eigenschaft als Grundlage seines Wesens erscheinen. Thöricht ist es, darüber streiten zu wollen, da ein Mann, wie er, eben nur als ein Ganzes aufgefasst werden kann. An dieser Stelle aber möchte ich kurz eine Seite seines Wesens hervorheben, die in unserem Sinne von besonderer Wichtigkeit sein muss, sein Gemüt.

Es ist ein wahres Wort, dass der eigentliche Charakter des Menschen im wesentlichen seinen Sitz im Herzen hat, dass seine meisten Eigenschaften wie auch seine Handlungen sich am besten aus der Beschaffenheit seines Gemütes erklären, und es ist ebenso wahr, dass nur der Fürst sich ein dauerndes Andenken und pleibende Verehrung bei seinem Volke schafft, der warme Teilnahme am Wohl und Wehe des Einzelnen zeigt. Die fast beispiellose Liebe und Anhänglichkeit, die Friedrich pei seinem Volke fand und die ihm bis auf den heutigen Tag bewahrt blieb, ist nicht sowohl in seinem Verstande, in seinem millitärischen Genie, in seinen ruhmreichen Thaten, sondern haupt- sächlich in den Eigenschaften seines Herzens begründet. Der grosse König besass bei seinen vielen Geisteseigenschaften auch ein warmes Herz, trotz mancher rauhen Aussenseite ein tiefes und reiches Gemüt. Diese Eigenschaft, die meines Erachtens heute vielfach nicht genügend gewürdigt ist, zeigt uns neben unzähligen Zügen aus seinem Leben namentlich das Verhältnis zu seinen Freunden, seiner Schwester insbesondere zu seiner Mutter. Zwischen seinem Vater und ihm konnte ihrer ganzen Naturanlage nach ein intimeres Verhältnis nicht, bestehen. Gleichermassen verhält es sich mit seinen übrigen Geschwistern, wie leider auch mit seiner Gattin, mit der er nie in innerer Seelenbeziehung gestanden hat. Dagegen war er ein treuer teilnehmender Freund, seiner Schwester Wilhelmine ein zärtlicher Bruder, der Mutter der liebevollste, dankbarste und ergebenste Sohn. Gerade aber in diese seine intimsten Herzensbeziehungen griff mit rauher Hand der Tod, der ihm oft gerade da, wo er der Lieben am meisten bedurfte, dieselben erbarmungslos entriss. Den Tod seiner Mutter, der er mit seinem liebebedürftigen Herzen in treuer Sohnesliebe ergeben war, hat er nie ganz verwinden können. Sie war die Vertraute seiner Seele gewesen, und noch im spätesten Alter sprach er oft davon, dass ihr Tod einer der härtesten Schläge des Schicksals für ihn gewesen sei.Wenn Er wüsste, sagte er zu Garve,was mich der Tod meiner Mutter gekostet hat, so würde er sehen, dass ich unglücklich gewesen bin wie jeder andere, und unglücklicher als andere, weil ich mehr Empfindlichkeit gehabt habe. Das sind in Friedrichs Mund, der sonst nicht viel Aufhebens von seinen Empfindungen machte, sondern stets ein Mann der That war, keine leeren Worte, vielmehr der Ausdruck seines innersten Gefühls. Wie hoch er über die Pflicht der Dank- barkeit gegen die Eltern überhaupt dachte, lehren uns die Ermahnungen, die er an den Herzog von Würtemberg richtet:Ehren Sie in Ihrer Mutter die Erzeugerin Ihres Lebens! Je mehr Rücksichten Sie auf dieselbe nehmen, desto achtungswürdiger werden Sie sein. Die Dankbarkeit gegen die Eltern hat keine Grenzen; man ist zu tadeln, wenn man darin zu wenig, niemals aber, wenn man darin zu viel thut.

Seine Lieben aus seiner Jugendzeit gingen allmählich dahin, und in dieser Beziehung ein armer Mensch, wie jeder andere, wenn er im Herzen getroffen ward, fühlte er ihren Verlust um so- mehr, als er seinem ganzen in sich gekehrten Charakter nach nicht mehr im stande war, neue Herzensbündnisse zu schliessen, und einsam in der Höhe seines Thrones, ein anderer Mark Aurel,