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musste. Wie einst bei seinem Vater, so ist auch bei Friedrich die innere Entwicklung in einem gewissen Gegensatz gegen seine äussere Umgebung erfolgt, und zwar unter wesentlich für ihn ungünstigeren Bedingungen. Denn er stand einem strengen Vater gegenüber, der alles Wesen, was ihm nicht zusagte, auf das rücksichtsloseste unterdrückte. Mit ihm war ein Kampf unvermeidlich, noch härtere Kämpfe aber gab es in seiner eigenen Seele. Friedrichs gross und vielseitig ange- legte Natur barg viele Keime in sich, die nach Entfaltung strebten und vermöge der in ihnen ent- hnaltenen Gegensätze zu inneren Kämpfen genug Anlass bieten mussten. Es gährte in diesem jungen Gemüte, und es bedurfte einer langen Entwicklung, bis sich das Chaos in seiner Natur durch die Erfahrungen des Lebens klärte und zu einem bestimmten Charakter festsetzte. Friedrich hat so recht den Sturm und Drang eines vielseitigen Genies durchgemacht, und es hat mehrfach Zeiten in seinem Jugendleben gegeben, wo die unedlen Elemente in ihm über die edeln den Sieg davon trugen; indes wäre es unrecht, wenn man dergleichen Seelenstimmungen nach so viel ausgestandenen Leiden nicht für erklärlich und in gewissem Sinne verzeihlich finden wollte, wie sie unter anderen in seinen Briefen in betreff der Krankheit seines Vaters im Jahre 1734 hervortraten, wo manche seiner Russerungen geradezu herz- und gemütlos klingen. Aber wer würde wohl bei solchen Leiden von derartigen Versuchungen gänazlich frei bleiben, und solches Ringen mit der eigenen Natur— denn nur das sind derartige Stimmungen im Grunde genommen— kann gerade einem grossen Charakter am allerwenigsten erspart bleiben, der sich voll und ganz entwickeln soll. Auch Friedrichs leichtsinnige Jugendstreiche gehören hierher, seine Liebeshändel, seine Schulden,„die Sünden“, wie sich sein Vater ausdrückt,„die er sowohl gegen den lieben Gott als gegen mich, seinen Vater und König, und gegen sich selbst und seine Ehre begangen“, die Friedrich selbst als solche einsah und herzlich bereute; aber mit Recht vergleicht er in einem Briefe an einen älteren Freund jenen Kampf in seinem Innern mit dem Feuer, welches das Gold von den unedlen Metallen scheide. In der Zeit seines schweren Unglücks, hinter den Mauern von Küstrin, wandelte sich sein Wesen um; da entstand der feste Entschluss zur Besserung, der Vorsatz, von nun an alle unedlen Gefühle, besonders Groll und Hass, zu unterdrücken und nur seiner Pflicht, seinem Berufe zu leben.
Schon von früher Jugend an hatte die Methode seines Religionsunterrichts, die nach allem, was wir wissen, in einem geistlosen Einimpfen religiöser Dogmen bestanden haben muss, keinen günstigen Einfluss auf ihn ausüben können. Die Art und Weise gar, wie man ihn in der Zeit seiner Gefangenschaft von seinen angeblichen religiösen Irrtümern zu befreien suchte, ist leider für die späteren religiösen Anschauungen Friedrichs von sehr nachteiligen Folgen gewesen. Von Kind auf war Friedrich zu logischem Denken geneigt. Der sittliche Ernst, die ehrliche Gewissen- haftigkeit, mit der er schon als Knabe religiösen Fragen gegenübertrat, verdient unsere volle Anerkennung; nun wurden seine ehrlichen Zweifel gewaltsam unterdrückt; seine innere Überzeugung musste äusserer Gewalt weichen, und so erscheint es begreiflich, wenn ihn gerade die Erinnerung an diese Vorgänge zur Negation trieb, in die Arme der französischen Freigeisterei, von der er sich nie ganz hat freimachen können, und von der sich auch jener Hang zur Satire herschreibt, der fuͤr seine Charakterentwicklung eben nicht vorteilhaft sein konnte.
Trotz alledem hat sich seine Natur emporgerungen. Sein Lebensweg, der mit Schwierig- keiten und Widerwärtigkeiten besät war, in der Jugend wie in der späteren Zeit, ist für seine echte kraftvolle Mannesnatur die beste Charakterschule geworden. Wohl hat er viel dem Einflusse
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