Aufsatz 
Über Erziehung und Charakterbildung im Hause Hohenzollern / Endemann
Entstehung
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sittlichen Gründen geleitet wurde und immer nur nach bester Überzeugung handelte. Am deutlichsten spricht hierfür sein Benehmen auf dem Totenbette, wo er dem Prediger gegenüber, der ihn er- mahnte, seiner Sünden, namentlich aber der Übergriffe, die er sich in seiner königlichen Macht- stellung habe zu schulden kommen lassen, eingedenk zu sein, lange mit Hartnäckigkeit daran festhielt, in dieser Hinsicht nur das Gute und Rechte gethan zu haben. Es lässt sich gewiss nicht verkennen, dass mit der grössten Eigenschaft des Königs, seiner Willensstärke anderen gegenüber, auch sein grösster Fehler, der Mangel an Selbstbeherrschung, in naher Verwandtschaft steht. Friedrich Wilhelm hat es nie vermocht, seiner ungestümen Natur Zügel anzulegen, um so weniger als schon in seiner frühen Jugend und dieser Erziehungsfehler ist bereits oben von uns berührt es niemand je gewagt hatte, sich auf die Dauer seinem Willen entgegenzustellen. Der zweite Fehler, der ihm nicht weniger oft schadete und namentlich auch bei der Erziehung seines Sohnes hervor- tritt, ist seine Einseitigkeit. Auch diese ist in einer Eigenschaft des Königs begründet, die, wenigstens für die damaligen Verhältnisse, als eine hohe staatsmännische Tugend anerkannt werden muss, die Concentration seiner gesamten Geisteskraft auf die praktischen Dinge in der Staatsver- waltung. Es ist keiner Frage unterworfen, dass Friedrich Wilhelm nur durch diese Beschränkung seiner Thätigkeit die Ziele erreichen konnte, die er in Wahrheit erreicht hat, aber es ist leider ebenso sicher, dass er sich infolge dieser Eigenschaft zu mancher ungerechten Handlung bestimmen liess und namentlich seiner Familie, besonders seinem Sohne Friedrich, dadurch grosses Unrecht that. Dass der Menschen Naturen, verschieden geartet, auch verschiedener Behandlung bedürfen, dass zu demselben Ziele verschiedene Wege führen, und dass nichts verkehrter ist, als die Natur in ihren Schöpfungen meistern zu wollen, das hat der König, der für irgend welche andere Auf- fassung der Dinge als seine eigene durchaus kein Verständnis besass, niemals begreifen können. Dass die Ubertretungen seines Sohnes, die er sich in der That hat zu schulden kommen lassen, von ihm selbst durch die Einseitigkeit seiner Erziehung mitverschuldet waren, zu einer solchen Objektivität der Betrachtung war der König nicht fähig, und gar in des Prinzen Innern nach den Gründen seiner Handlungsweise zu suchen, dazu ist er nicht Psycholog genug gewesen. Er sah nur den Abgrund, nicht wie er dahin gekommen war, und seinem in praktischen Dingen so klaren Blick mangelte hier jede Schärfe. Seine Erziehungsfehler sind somit auf fehlende Einsicht, keines- wegs aber auf bösen Willen zurückzuführen.

Trotz alledem aber hat er durch die Art seiner Erziehung sich ein grosses und dauerndes Verdienst erworben. Erst in Friedrichs späteren Jahren tritt es lebhaft hervor, wie unendlich viel er von dem Vater gelernt, wie viel er ihm verdankt in der praktischen Staatsverwaltung, und neben mancher bitteren Bemerkung über die schweren Zeiten seiner Jugend und über die an ihm gemachten Erziehungsfehler hat dies niemand wärmer und aufrichtiger anerkannt als der grosse König selbst. Gerade diejenigen Eigenschaften, die seine Grösse als Herrscher begründeten, hat Friedrich eigenem Geständnisse nach nicht zum geringsten seinem Vater zu verdanken.

Es ist ein köstlich Ding einem Manne, dass er das Joch trage in seiner Jugend, sagt der Prophet des alten Testamentes. Das hat, wenn irgend jemand, Friedrich der Grosse an sich erfahren, der unter Leiden und Dulden zu seiner Bestimmung heranreifen sollte. Wenn wir in dem Vorstehenden seine Er- ziehung wesentlich von dem Standpunkte seines Vaters aus beleuchtet haben, so wollen wir nunmehr kurz betrachten, wie bei den geschilderten Verhältnissen das innere Wesen des Prinzen sich gestalten