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Gottesfurcht bei Zeiten in das junge Herz dergestalt eingepflanzt werde, dass sie Wurzel fasse und im ganzen Leben, auch zu der Zeit, wo keine Direktion oder Aufsicht mehr statt hat, ihre Früchte hervorbringe. Insonderheit muss meinem Sohne eine echte Liebe und Furcht vor Gott als das Fundament und die einzige Grundsäule unserer zeitlichen und ewigen Wohlfahrt recht beige- bracht werden, dass ihm alle Zeit eine heilige Furcht und Veneration vor Gott beiwohne; denn das ist das einzige Mittel, die von menschlichen Gesetzen und Strafen befreite souveräne Macht in Schranken der Gebühr zu halten.“ In diesen Worten ist in der That auch der innerste Kern des Wesens von Friedrich Wilhelm enthalten. Wie sein gleichnamiger grosser Vorfahre war auch er eine durchaus religiöse Natur, ein aufrichtig frommer Christ.„Der religiöse Gesichtspunkt,“ sagt Ranke,„ist bei ihm wie bei seinen meisten Vorfahren der vorherrschende. Er leitet das Empor- kommen seines Hauses ab von dem religiösen und sittlichen Verhalten seiner Altvorderen, die Gott dafür gesegnet habe. Gottes Wort auszubreiten bezeichnet er als eine der wichtigsten Re- gentenpflichten.— An einen untadelhaften Wandel knüpft sich der Segen Gottes.“ Und nun gar bei der Erziehung seines Sohnes und Nachfolgers wollte er diesen religiösen Standpunkt auf das kräftigste betonen und gab daher weitere genauere Vorschriften über den Wandel des Prinzen, namentlich über Morgen- und Abendgebet, Kirchenbesuch und andere religiöse Pflichten, die auf das strengste beobachtet werden mussten. Da dieselben, häufig abgedruckt, allgemein bekannt sein dürften, brauche ich hier wohl nicht genauer darauf einzugehen.
Gewissenhaftigkeit in der Pflichterfüllung war der zweite Hauptpunkt in seinem Er- ziehungsprogramm. Von frühester Jugend an wurde der Prinz an eine strenge Tagesordnung gewöhnt, die ihn mit kurzen Erholungspausen von früh bis abend in Anspruch nahm. Die Stunden waren genau eingeteilt und mussten mit der grössten Pünktlichkeit eingehalten werden. Das Genauere darüber sehe man bei Bratuscheck a. a. O. Namentlich sollte der Prinz von Kind an streng daran gewöhnt werden, damit Oberflächlichkeit vermieden werde, sich mit allen Einzel- heiten eines jeden Gegenstandes vertraut zu machen; in Geldangelegenheiten wurde auf die strengste Ordnung und Genauigkeit das grösste Gewicht gelegt, und ein Tagebuch musste über die kleinen Einnahmen und Ausgaben genauen Aufschluss geben, das dem Vater zu bestimmten Zeiten zur Billigung vorgelegt werden musste. Wie segensreich diese Gewöhnung an Ordnung für Friedrich war, hat er selbst am besten eingesehen.„Ein Prinz,“ sagt er daher auch selbst in seinem politischen Testament vom Jahre 1752,„Soll sein eigener Kassierer sein, um sich an Ordnung und Pünktlichkeit zu gewöhnen.“ Von wem hätte er auch in solchen Dingen mehr lernen können als von dem eigenen Vater, der von allen Einzelheiten der Staatsverwaltung stets die genaueste Kenntnis besass und daher im stande war, alles bis ins Einzelne zu controllieren, Betrug und Unredlichkeit zu verhüten und vermöge seines praktischen Blickes überall mit Rat und That ein- zugreifen. In scharfem Gegensatz zu Fénelons Lehre, die damals grossen Einfluss ausübte, dass sich nämlich der Fürst nur mit dem Grossen, nie mit dem Einzelnen befassen müsse, betont der König ausdrücklich, dass, wer nicht im Kleinen lerne, unmöglich das Grosse verwalten könne, und Friedrich selbst tritt später diesen Anschauungen des Vaters bei und äussert sich gerade über die eifrige Thätigkeit desselben in dieser Hinsicht mit besonderer Anerkennung, der„durch die Bemühung, dem einzelnen Teile den höchsten Grad der Vollkommenheit zu geben, das Ganze zu vervoll- kommnen gesucht habe.“
In Speise und Trank, in Schlaf und allen Erholungen war dem Prinzen die grösste Mässig-


