Aufsatz 
Über Erziehung und Charakterbildung im Hause Hohenzollern / Endemann
Entstehung
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fast gänzlich verabsäumt hat. Wie dem auch sein mag, Friedrich Wilhelm, von Menschenhand nur wenig geleitet, war und blieb ein Originalmensch, aus der Hand der Natur selbst hervorgegangen.

Was das preussische Volk dem Könige Friedrich Wilhelm I. zu verdanken hat, weiss heute jeder Gebildete. Preussens spätere Machtstellung gründet sich zum grossen Teile auf die eifrige Thätigkeit dieses kräftigen Königs, der mit seinem echt deutschen Wesen einen so wohlthuenden Gegensatz zu vielen anderen Fürsten Deutschlands seiner Zeit bildet und in seiner selbstlosen Pflichterfüllung, in hingebender Berufstreue, in Einfachheit und Redlichkeit des Charakters ein leuchtendes Vorbild ist. Friedrich Wilhelm hatte einen gesunden kräftigen Körper und ebenso einen gesunden natürlichen Verstand; die ihm verliehenen Fähigkeiten aber hat er ausgebildet, durch fortwährende Übung den Blick seiner Augen geschärft, seine Kraft erhöht und ausschliesslich zum Nutzen seines Landes verwendet; wirklich gross ist er als Mann und Fürst durch eine staunen- erregende Willens- und Thatkraft nnd überall, wo es sich um seine Überzeugung handelte, durch einen unerschütterlich festen Sinn. In der That bedurfte es einer so stahlharten Kraft, eines so eisernen Herzens wie des seinen, um die schwierige Aufgabe zu lösen, die ihn nach seiner Thron- besteigung erwartete. Als seine Aufgabe aber betrachtete es der König, das ihm von Gott anver- traute Volk nach festen Grundsätzen zu erziehen, ihm insonderheit durch Einpflanzung sittlicher und religiöser Begriffe einen festen inneren Halt zu verleihen und anderseits durch Erweckung von Arbeitsliebe und Thätigkeitstrieb auch einen festen Grund für seine künftige Wohlfahrt zu legen. Wie er selbst, in seinem tiefsten Inneren eine wahrhaft religiöse Natur, im Glauben an Gott und Christum seinen Halt und seine Stütze fand, so sollte die christliche Religion auch seines Volkes Stärke bilden; wie er selbst schaffte mit unermüdlicher Arbeitskraft und Arbeitsliebe, so sollte auch sein Volk in der Arbeit und Thätigkeit Glück und Segen finden.

Mit der Lösung dieser Aufgabe war es dem Könige ein heiliger Ernst und, weil er seine königliche Würde als ein hochheiliges Amt betrachtete, so sah er sich selbst, das von Gott erkorene Werkzeug, als eine geweihte Person an und begründete darauf für seine Unterthanen die ernste Pflicht, von Gottes wegen ihm unweigerlich gehorsam zu sein. Ihnen in treuer Pflichterfüllung ein Beispiel zu geben, war zu jeder Zeit sein eifrigstes Bestreben.Zur Arbeit, sagte er,sind die Regenten erkoren, will ein Fürst Ehre erwerben und mit Ehre seine Regierung führen, so muss er alle seine Geschäfte selbst vollziehen. Darum erwartete er aber auch von seinen Unter- thanen rastlos angestrengte Thätigkeit und strafte nicht nur bei seinen Beamten und Officieren rücksichtslos jede Nachlässigkeit und jede Unordnung, sondern er hielt es auch für seine Pflicht, sich persönlich davon zu überzeugen, ob in den einzelnen Familien seiner Bürger ein sittliches und arbeitsames Leben geführt werde, und, wo es not that, mit Strenge einzuschreiten.

Was für Grundsätze dieser Fürst in betreff der Erziehung als massgebend betrachtete, diese Frage können wir an der Hand der Instruktion beantworten, die Friedrich Wilhelm den Erziehern seines Sohnes, dem General von Finkenstein und dem Obersten von Kalkstein hat zu teil werden lassen. Dass diese Instruktion indes nicht von ihm verfasst ist, sondern dass nur wenige Zusätze von seiner Hand herrühren, darauf ist von Bratuscheck in seinem oben angeführten BucheDie Erziehung Friedrichs des Grossen aufmerksam gemacht worden.

Diese Instruktion ist in ihren wesentlichen Bestandteilen nur eine Erneuerung derjenigen, welche im Jahre 1695 von Friedrich I. erlassen wurde und die, wie oben bereits erwähnt ist, auf eine Abhandlung von Leibniz zurückzuführen ist. Alle, die sich näher für diese Frage interessieren,