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der Familie, von dem seine Söhne die grössten Ideen entnehmen können. Sie wissen schon mehrere Sprachen und sind in allen Übungen sehr geschickt. Ihre Zimmer sind einfach, nur von Büchern, Karten, chronologischen Tabellen, Himmelskugeln nnd Medaillen geschmückt.“
Fast fremdartig berührt uns zwischen dem Grossen Kurfürsten und seinem gleichnamigen Enkel die Erscheinung des Königs Friedrich I. Obwohl bei dem fast ausschliesslich auf den äusseren Glanz des Hauses gerichteten Geiste dieses Fürsten von einer planmässig durchgeführten Erziehung innerhalb der Familie kaum die Rede sein kann, so ist doch für uns die Instruktion von grossem Interesse, die er im Jahre 1695 für die Erzieher seines Sohnes erliess. Es ist das Verdienst von Bratuscheck(vgl. dessen Schrift„Die Erziehung Friedrichs des Grossen“, Berlin 1885) die eigentümliche Entstehung dieser Instruktion, die erst später bei der Erziehung Friedrichs des Grossen zur eigentlichen Geltung gelangte, nachgewiesen zu haben. Sophie Charlotte, die hoch- begabte und geistreiche Gattin Friedrich I. war bekanntlich mit dem grossen Philosophen Leibni⸗ aufs engste befreundet, und auf ihre Bitte hin hat dieser im Jahre 1693 einen Entwurf zur Er- ziehung eines Prinzen ausgearbeitet, welcher für die genannte Instruktion die Grundlage gebildet hat. Da dieser vortreffliche Leibniz'sche Erziehungsplan bei dem Prinzen Friedrich Wilhelm leider nicht konsequent durchgeführt wurde, obwohl ein gewisser Einfluss desselben sich anderseits nicht verkennen lässt, so werden wir erst unten bei der Besprechung der Erziehung Friedrichs II. des näheren darauf eingehen. Wohl wissen wir, dass Sophie Charlotte— und das zeigt sich am deutlichsten eben in dem Umstand, dass sie Leibniz Hülfe in Anspruch nahm— den besten und ernsten Willen hatte, zur Erziehnng ihres geliebten Sohnes nach Kräften beizutragen, und ihn namentlich durch Gespräche und nützliche Unterhaltung zu bilden suchte, allein es steht fest, dass sie einen dauernden Einfluss auf dessen Geistesentwicklung nicht ausgeübt hat.
Ein einheitliches Zusammenwirken der Eltern aber war schon darum ausgeschlossen, weil Friedrich und seine Gattin in ihren Grundanschauungen weit auseinander gingen, und nichts ist in dieser Hinsicht bezeichnender als, was uns ihr Enkel Friedrich der Grosse, der die Verhältnisse gewiss hinlänglich kannte, mitteilt.„Was weint ihr?“ sagte Sophie Charlotte auf ihrem Toten- bett zu der weinenden Umgebung,„ich werde jetzt meine Wissbegierde nach dem Grunde der Dinge befriedigen, die mir Leibniz nicht erklären konnte, und ich bereite dem Könige, meinem Gemahle, das Schauspiel eines feierlichen Leichenbegängnisses, bei dem er eine neue Gelegenheit haben wird, seine Pracht zu entfalten.“„Und Friedrich I,“ so fügt sein grosser Enkel hinzu, „tröstete sich durch die Ceremonie der Beisetzung über den Verlust einer Gemahlin, die er nie genug hätte vermissen können.“— Der Sohn aber fühlte sich seinem ganzen Wesen nach weder zu dem Vater noch der Mutter hingezogen; doppelt interessant aber ist es zu beobachten, wie später in Friedrich II, der in seinem reichen Geiste das praktische Wesen des Vaters mit dem feinen, auf Wissenschaften und Bildung gerichteten Sinne der Grossmutter vereinigte, die meisten Eigenschaften dieser so verschieden gearteten Personen sich wiederfinden. Nachhaltigen Einfluss auf Friedrich Wilhelm hat vielleicht nur sein Erzieher, der Graf von Dohna, ausgeübt; im ganzen hat nicht die Nachahmung, sondern der Widerspruch ihn gross gezogen, der erst unbewusst, dann immer bewusster auftretende Gegensatz gegen das Wesen des Vaters. So vorteilhaft dies in so mancher Beziehung für das Land auch gewesen ist, so kann man es doch anderseits nicht genug beklagen, dass man, als es noch Zeit war, seinem wilden und jähzornigen Temperamente, das dem Könige selbst in späteren Tagen so viel Unannehmlichkeiten bereitet hat, die notwendigen Zügel anzulegen,


