Aufsatz 
Über Erziehung und Charakterbildung im Hause Hohenzollern / Endemann
Entstehung
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Wer aber auf Gottes Beistand wirklich bauen will, muss vor allem seinen Willen thun. muss untadelhaft sein in Worten und Werken. In der That ist Friedrich Wilhelm in seinem Wandel stets tadellos gewesen und hielt es für die erste Pflicht eines Fürsten, in christlich tugendhaftem Leben den Unterthanen ein Vorbild zu sein. Aber eben daran knüpft sich auch, wie er in seinem Testamente dem Erben seines Reiches warm ans Herz legt, der reiche Segen Gottes, der zwar von den Fürsten, denen er grosse Macht verliehen, mehr Rechenschaft fordere als von andern, aber auch ihnen treulich helfe und beistehe, wenn sie in jeder Hinsicht ihre Schuldigkeit zu er- füllen bestrebt seien.

Haben wir in diesen Worten den Charakter des Grossen Kurfürsten in seinen Hauptgrund- zügen richtig gezeichnet, so werden wir auch über die Grundsätze, die ihn bei der Erziehung seiner Kinder leiteten, nicht mehr im Zweifel sein können. Als Familienvater wie als Fürst hat er nach denselben Prinzipien gelebt und gehandelt. Mit seiner Gemahlin Luise Henriette, jener durch Frömmigkeit und Tugend ausgezeichneten Fürstin, führte Friedrich Wilhelm ein echt christliches, musterhaftes Familienleben. Nicht minder als er war auch sie, die Dichterin des LiedesJesus meine Zuversicht, eine tief religiöse Natur, die in herzlicher Übereinstimmung mit ihrem Gatten ihre Kinder zur Gottesfurcht erzog. Echt mütterlich klingt ihre Mahnung an den Erzieher ihres Sohnes Carl Emil, den Minister von Schwerin, den Prinzen mit Liebe zu behandeln, da Sanftmut die beste Methode sei, um Kinder zu erziehen. In einem Briefe an denselben finden sich die Worte:ich freue mich auch sehr, dass Sie mir melden, dass sich der Prinz gut zum Lernen an- lässt; ich beschwöre Sie, ihn in der Furcht Gottes zu unterrichten, welche ist und sein sollte der Zweck unseres ganzen Lebens. Noch wiederholt betont es Luise Henriette, auf Einpflanzung der Religion und echter Sittlichkeit den Hauptwert zu legen:Das Wissen macht es nicht, sondern der Geist und die Tugend.Die Reinheit der Sitten ist es allein, die Macht verleiht. Sobald die Sitten ausarten, ist jene gefährdet. Und der Kurfürst selbst leitet in der Instruktion für den Erzieher Schwerin die Ermahnung, seine Söhme eifrig zum Gebete und anderen religiösen Übungen anzuhalten, mit den Worten ein:Weil die Gottesfurcht nicht allein die Grundlage und gleichsam die Königin aller anderen Tugenden, sondern auch der echte Ursprung und Brunnquellist, woraus sowohl zeitliches als ewiges Glück, Segen und Benedeiung herflfiesst, dieselbe auch den fürstlichen Personen und Regenten so viel mehr nötig und wohlanständig, weil sie von Gott dem Allerhöchsten vor vielen Tausenden mild väterlich angesehen und gesegnet auch desselben Hülfe und Beistand am allermeisten bedürftig sind, so wird es unseres Hofmeisters ernster und fürnehmster Zweck sein etc. Man sieht aus alledem, wie herzlich einig die Gatten in ihren Grundsätzen gewesen sind. Die häuslichen Verhältnisse des Grossen Kurfürsten in seiner zweiten Ehe, zu einer Zeit, wo der grosse Herrscher durch die Uberanstrengung der hinter ihm liegenden schweren Zeiten und durch das eintretende Alter gebrochen, nicht mehr derselbe war, darf ich hier wohl übergehen, zumal ein klares vorurteilsloses Bild darüber zu gewinnen sehr schwierig ist; hier will ich nur noch kurz darauf hinweisen, dass auf ernsten nachhaltigen Fleiss von seiten der Prinzen das grösste Gewicht gelegt wurde. Friedrich Wilhelm selbst. gerade in seiner nie ermattenden Arbeits- liebe ein echter Hohenzoller, zeichnete sich, wie Zeitgenossen berichten, durch eine stets rege Wissbegierde aus; von dem Wunsche beseelt, möglichst vielseitig gebildet zu sein, hat er zu lernen nie aufgehört, und so wurde denn auch die wissenschaftliche Ausbildung der Knaben auf das eifrigste gepflegt.Seine Königliche Hoheit, rühmt ein französicher Reisender,ist ein Vorbild