Aufsatz 
Über Erziehung und Charakterbildung im Hause Hohenzollern / Endemann
Entstehung
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mutter, die Oranier, gehabt, zumal er gerade diejenige Zeit der Jugend, wo die Eindrücke be- sonders tiefe zu sein pflegen, bei seinem Gross-Oheim, dem Statthalter der Niederlande Prinz Friedrich Heinrich von Oranien verbrachte. Hier war es auch, wo er den ersten Beweis seiner Charakterfestigkeit gab, indem er die an ihn herantretende Versuchung zur Unsittlichkeit auf das entschiedenste zurückwies und den falschen Freunden den festen Bescheid gab:ich bin es meinen Eltern, meiner Tugend, meiner Ehre und meinem Lande schuldig, dass ich unverzüglich Eure Ge- sellschaft verlasse, eine That, für die ihn sein Oheim, den er unter den Wällen der von ihm belagerten Festung Breda traf, mit den Worten ehrte:Vetter, Eure Flucht beweist mehr Helden- mut, als wenn ich Breda erobert hätte. Wer schon so früh sich selbst zu beherrschen weiss, dem wird das Grosse stets gelingen.

Diese Selbstbeherrschung und Charakterstärke, die Friedrich Wilhelm hier zum ersten Male bewährte und die ihn durch sein späteres Leben hin begleitete, gründet sich bei ihm auf einen tief religiösen Sinn, auf seine überzeugte Frömmigkeit. Schon früh hatte er sich durch die ernsten, schweren Erlebnisse zu Gott führen lassen und in ihm den einzigen wahren Retter in der Not erkannt; in seinem im innersten Herzen begründeten felsenfesten Gottvertrauen ist auch das Ge- heimnis seiner ganzen Erfolge zu suchen. Dass er Gottesfurcht und Gottvertrauen für die ersten Tugenden eines Regenten ansieht, spricht er deutlich im Testament vom Jahre 1667 aus, wo es heisst:Nun ist und besteht zuvörderst die rechte Tugend eines rechtschaffenen Regenten darin, dass er Gott, der ihn erschaffen und zu einem Herrn und Regenten so vieler Land und Leute ge- setzet, recht von Herzen fürchte, liebe und vor Augen habe, sein alleinseligmachendes Wort die wahre Richtschnur seiner ganzen Regierung und Lebens sein lasse, dieweil darin die rechte Gott wohlgefällige Regierungskunst und höchste Politica begriffen ist. Im andachtsvollen Gebet hat er stets neue Kräfte gefunden, und es ist rührend, wie dieser starke Mann, dem jede Menschenfurcht fern lag, sich mit kindlicher Demut seinem Gotte naht, in schweren Lebenslagen mit aufrichtigem Vertrauen ihm seine Not klagt und Rettung erfleht. Gerade in dieser Eigenschaft ist auch der Grund zu der Geistesselbständigkeit zu suchen, die ihn vor so vielen Fürsten auszeichnet. Wohl hörte er auf den Rat seiner Minister und empfiehlt auch seinem Nachfolger, er solle den Bienen gleich sein, die den besten Saft aus den Blumen saugen, aber bei Entschlüssen von entscheidender Bedeutung zog er sich zurück in die Stille der Einsamkeit, um in herzlicher Zwiesprache mit seinem Gotte das Rechte zu finden. Auch den hellen klaren Blick, den er vor anderen voraus hatte, sowie die Unerschrockenheit, mit der er die einmal gewählte Bahn verfolgte, verdankt er zum grossen Teile dieser Eigenschaft. Fern von der Menschen störendem Gerede, in der Einsamkeit ruhigen Nachdenkens klärte sich sein Blick, reifte der kühne Entschluss. Wohl kaum hat jemand wie Luther und er die Macht des Gebetes gekannt, und wenn er dann seine Überzeugung ge- wonnen, wenn er infolge herzlichen Gebetes sich sagen konnte:Gott will es, dann ging er unverdrossen und unbekümmert um der Menschen Urteil seinen Weg mit kühner Entschlossenheit. Das erhebende Gefühl, im Einverständnis mit seinem Gotte zu sein, verlieh ihm einerseits in so mancher gefährlichen Lage jene wunderbare Siegesgewissheit, mit der er auch seine Krieger zu entflammen verstand, jenes Feuer des Wortes und der That, wie es grosse Glaubenshelden beseelt, und das sich von ihm in die Seelen der Seinen ergoss, aber auch anderseits jene Spannkraft des Geistes, durch die er in Momenten höchster Gefahr immer neue Kräfte gewann und durch die er seine Heldennatur aufs glänzendste bewährte.

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