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vollkommen erreichen, wenn sie den Leser zum Nachdenken anregt, für ihren Gegenstand erwärmt und zu dem Geständnis veranlasst, dass die Erörterung der von mir aufgeworfenen Frage von nicht zu unterschätzender Wichtigkeit auch für die Jugenderziehung unserer Tage ist. Da somit der Zweck dieser Arbeit wesentlich ein praktischer ist, wird man mir keinen Vorwurf daraus machen, wenn ich, woran mich schon Zeitmangel und der hier verstattete Raum hinderte, eine nur einigermassen erschöpfende Darstellung nicht zu liefern im stande bin. Fehlt uns doch auch für die völlige Beantwortung unserer Frage, die an und für sich mit mancher Schwierigkeit ver- bunden ist, oft das nötige Material, sodass schon deshalb eine Beschränkung des Stoffes sich von selbst rechtfertigt, und ich begnüge mich daher vor der Hand damit, diejenigen Helden des preussischen Königshauses aus früherer Zeit zur Besprechung heranzuziehen, die grundlegend und bahnbrechend gewirkt haben, den Grossen Kurfürsten, Friedrich Wilhelm I. und Friedrich den Grossen. Um aber bei mangelndem äusseren Material zu meinem Ziele zu gelangen, werde ich so vorgehen, dass ich, wenn klare Berichte nicht vorliegen, aus dem Charakter dieser Herrscher heraus die Frage nach ihren Anschauungen über Erziehung zu beantworten versuche, da man annehmen darf, dass ein Mann von Charakter die Grundsätze, nach denen er denkt und handelt, auch für seine Nachfolger massgebend machen will. Endlich aber werde ich die Aufmerksamkeit des Lesers fast aus- schliesslich für die Charakterbildung in Anspruch nehmen, da unsere Zeit hinsichtlich der blossen Verstandesbildung den früheren weit überlegen ist, in betreff der Erziehung der Jugend zur Charaktertüchtigkeit dagegen wir von früheren Zeiten mehr zu lernen haben, als die heutige Tagesmeinung anzunehmen geneigt ist.
Als Erzieher des Grossen Kurfürsten in seiner früheren Jugendzeit wird uns Rumilian Kalkum von Leuchtmar genannt und gerühmt; wir dürfen indes, ohne diesem Manne zu nahe zu treten, behaupten, dass im wesentlichen der in dem Prinzen wohnende Geist und das Leben selbst mit seinen Erfahrungen ihn zu dem gemacht hat, was er geworden ist. An und für sich ist es natürlich, dass in einer so bewegten Zeit infolge der vielen Eindrücke die Jugend, je nach individueller Anlage und individuellen Verhältnissen, sei es im guten, sei es im bösen Sinne, rascher zur Entwickelung gelangt. So wurde denn auch der Geist des für alles empfänglichen Knaben durch die vielen und mannigfaltigen Erlebnisse seiner Jugendzeit, in welcher der dreissigjährige Krieg mit allen seinen Schrecken tobte, schon früh zum Nachdenken angeregt; die stille Einsam- keit aber anderseits, in die er zeitweise, um dem Lärm des Krieges entzogen zu werden, entrückt wurde, gab ihm Gelegenheit genug, über das Erlebte nachzudenken, es im Geiste zu verarbeiten und sich bestimmte Ideen daraus zu entwickeln. Gern glauben wir es deshalb, wenn berichtet, wird, dass Friedrich Wilhelm als Knabe einen Hang zur Melancholie gehabt habe und meist sinnend und in sich gekehrt gewesen sei; und dies erscheint uns doppelt natürlich, wenn wir an das traurige Geschick denken, das mehrere seiner nächsten Anverwandten betroffen hat. Der jähe Sturz seines Oheims, des Kurfürsten Friedrich von der Pfalz, besonders aber der Tod des helden- mütigen Gustav Adolf, der als Gemahl der Prinzess Maria Eleonore von Brandenburg ebenfalls sein Oheim war, konnte für sein Seelenleben nicht ohne tiefeingreifende Bedeutung bleiben. Was mag in der Seele des zwölfjährigen Knaben vorgegangen sein, als er hinter der Leiche des gefallenen Königs herschritt, den er namentlich aus den begeisterten Schilderungen seiner Tante als das wahre Vorbild eines ritterlichen und glaubensstarken Helden lieben und bewundern gelernt hatte!
Noch grösseren Einfluss freilich haben auf seine Entwickelung die Verwandten seiner Gross-
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