Aufsatz 
Über Erziehung und Charakterbildung im Hause Hohenzollern / Endemann
Entstehung
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Das deutsche Volk hat einer langen Entwicklung bedurft, bis es zu seiner heutigen Stellung gelangte; unter vielen Wandlungen ist es herangewachsen, ist gross geworden unter Not und Plage, erstarkt durch Kampf und Streit, und Gott hat ihm Erzieher gegeben, die es aus den Tagen der Kindheit emporführten ins kräftige Mannesalter. Zu diesen Erziehern des deutschen Volkes in den letzten Jahrhunderten ist namentlich das Herrscherhaus der Hohenzollern zu rechnen, dessen grossen Söhnen es Deutschland vorzugsweise zu verdanken hat, wenn es in der Reihe der europäischen Mächte vor anderen achtunggebietend dasteht.

Aber der Erzieher muss vor allem selbst eine Erziehung genossen haben, muss selbst durch die lehrreiche Schule der Prüfungen und Erfahrungen gegangen sein, wenn er andern ein guter Führer sein will. Inwiefern die äusseren Schicksale ihres Hauses die Hohenzollern zu ihrem Berufe vorbereiteten, lehrt uns die Geschichte; eine andere Frage, was die Hohenzollern selbst thaten, um ihrer schwierigen Aufgabe gewachsen zu sein, werden wir nur beantworten können, wenn wir einen Blick in ihre häuslichen Verhältnisse werfen und die Grundsätze festzustellen suchen, nach denen im Innern der Familie die Erziehung der Söhne geleitet wurde. Diese Frage dünkt mir keine müssige zu sein, im Gegenteil von tiefer praktischer Bedeutung sowohl für die Gegenwart als für die Zukunft. Das Emporsteigen des Hauses Hohenzollern ist ein so regel- mässiges, seine Entwicklung ist nach so bestimmten Gesetzen vor sich gegangen, es folgt ein Er- eignis mit solcher Folgerichtigkeit aus dem andern, dass wir hier unbedingt nach tieferen Gründen zu forschen haben. Wohl weist uns die Geschichte andere Herrscherhäuser auf, die ähnliche, zeit- weise auch glänzendere Erfolge errungen haben, aber man wird keines nennen können, wo die Entwicklung planmässiger vor sich ging, das Streben ein zielbewussteres, der errungene Erfolg ein verdienterer gewesen wäre; aber auch eine gütige Vorsehung hat es so gefügt, dass nicht ein Erfolg auf den anderen eintrat, dass Zeiten der Not und Schwäche Zeiten des Ruhmes und der Macht folgten, dass schwächere Regenten mit stärkeren abwechselten, wodurch eine allzurasche, übereilte und unzeitgemässe Entwicklung verhütet und es möglich gemacht wurde, dass die Ent- wicklung des Volkes, für dessen Hebung namentlich durch Gründung von Schulen und Beförderung geistigen Lebens eben die Hohenzollern so viel gethan haben, mit der des Herrscherhauses gleichen Schritt zu halten vermochte und immer gerade, wo es not that, zur rechten Zeit der rechte Mann sich gefunden hat.

Wie das politische Streben der Hohenzollern ein zielbewusstes war, so wurde auch im Inneren ihrer Familie die Erziehung nach bestimmten Prinzipien geleitet, die je nach der persön- lichen Eigentümlichkeit des betreffenden Herrschers die eine oder andere Abänderung erfuhren, so jedoch, dass die nämlichen Grundsätze deutlich erkennbar sind. Vermag auch die folgende Ab.

handlung dem Geschichtskundigen nichts wesentlich Neues zu bieten, so wird sie schon ihren Zweck 1