Aufsatz 
Der alte Friedhof der israelitischen Gemeinde zu Frankfurt a.M : mit urkundlichen Beilagen
Entstehung
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war gottesfürchtig von Jugend auf im Hauſe ihres Vaters, ſie liebte den Frieden, leitete ihre Kinder den geraden Weg.Sie war bemüht zu ſchaffen für die Bedürfniſſe ihres Hauſes, zu ehren ihren Gatten zur Zeit ſeines Alters.Sie erzog mit Aufwand aller Kraft ihre Kinder für das Studium des Thora, in ihren kaufmänniſchen Geſchäften waltete ſie mit Treue, viele Schmerzen waren ihr beſchieden in ſchweren Stunden, alles hat ſie ertragen in Liebe.Sie pflegte Kranke, erwies den Toten die letzten Liebesdienſte.Sie ſorgte für Beleuchtung des Gotteshauſes.Ihr Gebet war mit Andacht, ſie übte Werke der Mildthätigkeit, beſonders an der ſtudierenden Jugend.

Hier ruht ein Mann, der war ſchlicht und gerade, er wich vom Böſen und that Gutes. ¹) Von Jugend auf verachtete er die Nichtigkeiten der Welt und ihre Vergnügungen und wählte das Gute und beſchäftigte ſich mit der Thora und mit profaner Wiſſenſchaft; er war ein geübter Geſetzes⸗ kundiger²), vieler Sprachen kundig und weltlicher Dinge. In ſeiner Jugend ſchon ſetzte er ſich Zeiten feſt für Thoraſtudium), in ſeinem Geſchäfte waltete er mit Treue, ihm war ein reines Herz zu beten mit Andacht, er machte milde Stiftungen, übte Werke der Barmherzigkeit.Er ehrte Vater und Mutter.Er hat Fremde in ſein gaſtliches Haus genommen und ſie mit freundlichem Blick empfangen).Redlich und gerade hat er gethan nach dem Wort:Du ſollſt darüber ſinnen Tag und Nacht).Er hat unſer hieſiges Lehrhaus gegründet.Er hat Waiſenkinder erzogen und ihnen einen häuslichen Herd begründet.Unrecht ward nicht gefunden auf ſeinen Lippen. 6Er gehörte zur heiligen Vereinigung für Krankenpflege nnd Leichenbeſtattung.Er wandelte untadelig und übte Recht?), war täglich einer der zehn Erſten im Gotteshauſe, ein treuer Hirt war er unſerer Gemeinde drei und dreißig Jahre, er ſtrebte nach Wahrheit und Frieden, er gehörte zu denen, die zwei Kaiſern die Geſchenke unſerer Gemeinde darbrachten.Ein Greis, der ſich Weisheit erworben. Heil der, die ihn geboren, er hat ſein Alter nicht beſchämt, er lernte und lehrte.

Ihm iſt Schweigen Lobs); denn ſo hat er angeordnet vor ſeinem Tode, daß man kein Lob auf ſeinen Grabſtein ſchreibe. ³)

Wer von den mittelalterlichen Annalen, in denen die gegen die Juden und ihre Religion erhobenen Beſchuldigungen und Verfolgungen aufgezeichnet ſind, ſich abwendend, ſich mit den Schriften der gleichzeitigen jüdiſchen Geſetzeslehrer, Philoſophen und Dichter bekannt macht, wird ergriffen von der ſchlichten Feſtigkeit, mit der die Juden unter allen Umſtänden unbeirrt dem Idealen zugewandt blieben. Mit der gleichen Empfindung wird jeder, der mit der äußeren Geſchichte der Juden bis zum Anfange unſeres Jahrhunderts bekannt iſt, die Grabſchriften des hieſigen alten israelitiſchen Fried⸗ hofes leſen.

¹) Pſalm 34, 15. ³) Abot 1, 15. ⁵³) Joſua 1, 8.) Pſalm 15, 2.

²) Eſra 7, 6. 4) Abot 1, 15.) Maleachi 2, 11. ³) Pſalm 65, 2.

²) Im Anhange teilen wir noch drei Grabſchriften mit: 1) die älteſte, 2) eine wegen ihres Inhaltes und ihres Namens bemerkenswerte, 3) diejenige des um das Schulweſen in der hieſigen israelitiſchen Gemeinde verdienten Jacob Süßkind Stern, eines Oheims des Göttinger Profeſſors M. A. Stern(vergl. Einladungsſchriften dieſer Schule von 1869 S. 22, 1875 S. 8). Der Grabſtein des am 20. April 1828 verſtorbenen Gründers unſerer Schule Sigismund Geiſenheimer iſt bis jetzt nicht aufgefunden worden.