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Wären auf dieſen Denkmälern nur Namen und Daten eingegraben, ſo würden ſie ſchon dadurch allein als Anhaltspunkte für die Geſchichte einzelner Familien, für literariſch oder ſonſtwie bedeutende Perſönlichkeiten innerhalb der hieſigen israelitiſchen Gemeinde, für die Chronologie, endlich auch für Zahl⸗ und Zuſammenſetzung der hieſigen israelitiſchen Bevölkerung innerhalb gewiſſer Epochen von großem Wert ſein; ſie bieten aber mehr.— Freilich, die bildende Kunſt geht leer aus; das Gebot: „Du ſollſt dir kein Bild machen“), hat ſie bei den Juden nirgends aufkommen laſſen; bleibender Ausdruck der Gedanken und Empfindungen war ihnen immer nur das geſchriebene Wort.2) Um ſo eingehendere Beachtung wird darum der Form und dem Inhalte der Inſchriften zu widmen ſein. Als Denkmäler der Schrift und Sprache bieten ſie für Entwickelung beider dem Forſcher das chronologiſch am beſten beglaubigte Material;³) bei weitem am wichtigſten aber werden ſie durch den Einblick, den ſie in die Sitten⸗ und die Lebensanſchauung der Juden gewähren, Materien, über welche die mittelalterlichen Chroniſten gar nichts oder nur Mißverſtandenes berichten.
Der Tod verſöhnt, mit den Toten ſind wir nur durch die Liebe vereint, am Grabe ſpricht die Pietät. Und doch charakteriſiert ſich der Einzelne wie die Geſamtheit durch die Vorſtellungen von dem Jenſeits, durch die Art, wie er über diejenigen, die ihm vorhergegangen ſind, denkt und ſich äußert. Was wir von dem Toten als rühmenswert hervorheben, muß uns doch ſelbſt erſtrebenswert erſcheinen; in dem Bilde, in dem wir das Ergebnis ſeines Lebens zuſammenfaſſen, zeichnen wir unſer Ideal: ſo möchten wir ſelbſt ſein, wie wir nun in erhöhter Liebe uns den Heim⸗ gegangenen denken, ſo möchten wir in unſerer Sphäre wirken, wie wir uns den Heimgegangenen in ſeinem einſtigen Wirkungskreiſe vorſtellen.
Wie redeten nun die mittelalterlichen Juden von den Toten? wie dachten ſie von dem Jenſeits? welche Ideale vom Menſchen ſchwebten ihnen vor? Die Grabſchriften belehren uns darüber. ¹)
Der Tote heißt„der Ruhende“, ſein Name wird niemals genannt, ohne daß hinzugefügt wäre: „Über ihn der Friede!“ oder„Sein Andenken zum Segen“, oder„das Andenken des Gerechten zum Segen“.— Formeln, mit denen die Grabſchriften ſchließen, ſind:„Seine Seele ſei dem Lebens⸗ bunde einverleibt“, oder,„Seine Seele im Garten Eden. Amen, Sela“, oder„Seine Seele ſei dem Lebensbunde einverleibt mit den andern Seelen der Gerechten im Garten Eden. Amen, Sela“.
Von den Eltern ſpricht der Sohn nie anders als„mein Herr Vater, mein Lehrer“,„meine Mutter, meine Lehrerin“, oder„meine Mutter, meine Lehrerin, Heil der, die ſie geboren.“⁵)
„Eine edle Frau, jung an Jahren, all ihr Thun anmutend, herrlich wie eine Königstochter im Prunkgemach, ihre Hand ſtreckte ſie entgegen den Armen.“²⁶)„Sie redete zu Jedermann ſanft und demütig.“„Sie war ehrbar, edel, lieblich in ihrem Walten wie eine Roſe.“„Sie
¹) Exod. 204.
²) Die Bezeichnung der Häuſer, in denen die Verſtorbenen ehedem gewohnt, finden ſich auf einzelnen Grab⸗ ſteinen Abbildungen der für das hieſige Ghetto obligatoriſchen Häuſerſchilder z. B. ein Strauß, eine Sichel, eine Kanne (letztere findet ſich auch in anderen Gegenden zur Hindeutung, daß der Verſtorbene dem Levitenſtamme angehört) jedoch auch das nur ſelten, die Beziehung iſt zumeiſt in Worten gegeben, z. B. zum gulden Strauß, zum fröhlichen Mann, zur gulden Arch, zur grüne Hindertür, zum Handſchuh, zum Sperber, zum weißen Stern ꝛc.
³) Die Sprache des geſchichtlichen Denkmals wird ein zweites Denkmal: was der Grabſtein verkündet, iſt für den Einzelnen, wie er es verkündet für die Geſamtheit ein Gedächtnis. Zunz l. c. 441.
⁴) Selbſtverſtändlich bietet die folgende Zuſammenſtellung aus der reichen Fülle nur einiges wenige.
³) Abot 2, 11.
⁴) Pſalm 45, 14. Spr. 31. 20.


