Aufsatz 
Der alte Friedhof der israelitischen Gemeinde zu Frankfurt a.M : mit urkundlichen Beilagen
Entstehung
Einzelbild herunterladen

14

Gegen Ende des 17. Jahrhunderts wurde wegen eines Neubaues auf dem Friedhofe, ſowie wegen Erhöhung und Ausbeſſerung der Mauer zwiſchen dem Völkerſchen Garten und dem Friedhofe, auch wegen eines beabſichtigten Neubaues ein Proceß anhängig.¹) Die Völker'ſchen Erben entſchloſſen ſich daher, den Garten zu verkaufen, und die jüdiſche Gemeinde kaufte denſelbenumb ihrer Nutzens Willen auch zur Erweiterung ihres Kirchhofes. Es war ein ausgedehntes Terrain, nach Angabe des Kaufbriefes,hinter der Judengaſſen, einerſeits neben der alten Stadtmauer und drei daran gebauten Thürmen, anderſeits neben mehr erwähntem Kirchhof gelegen, oben auf die Herren Ver⸗ käufer ſelbſten, unten aber beim Eingang auf das gemeine Gäßlein ſtoßend, da durch man aus der Allerheiligengaſſen nach dem Wollgraben gehet. Dieſen Gartenſamt dem Wohnhaus und Stallung ſo an der alten Stadtmauer bei und neben gedachten Türmen iſt, kaufte die jüdiſche Gemeinde mit allen Rechten wie ſolchen die Herren Verkäufer und ihre in Gott ruhenden Voreltern von ur⸗ alten Zeiten her ingehabt, beſeſſen und genutzt für den Preis von 9000 Gulden. Für den Conſens zu dem Verkauf hatten die jüdiſche Gemeinde 3000 fl., die Völkerſchen Erben 500 Gulden zu zahlen, ²)

Die Abſicht, das erworbene Grundſtück zu Erweiterung des Friedhofes zu verwenden, wurde nicht ausgeführt; es wurde zunächſt als Bleichgarten benutzt, bis es nach demgroßen Brande eine andere Beſtimmung erhielt.

Mittwoch den 14. Januar 1711 abends halb neun Uhr brach jener große Brand aus, der in 24 Stunden die ganze Judengaſſe vernichtete. Auch in jener Schreckensnacht flüchteten viele auf den Friedhof, dort Weiber, Kinder und gerettete Habe bergend und auf den Gräbern der Väter die göttliche Barmherzigkeit anrufend.

Vor dem Brande befanden ſich hinter der Synagoge der jüdiſchen Gemeinde gehörige Backöfen; ſie wurden ſchon der Feuersgefahr wegen dort nicht wieder hingeſetzt, vielmehr wurden im Jahre 1713 fünf Backöfen mit darüber liegenden Wohnungen in dem 1694 erkauften Bleichgarten an der Mauer des Judeneckgrabens erbaut; von dem daran ſtoßenden Platz aber wurde der an die Fried⸗ hofmauer grenzende Teil als Bleichgarten, der ſüdliche Teil als Holzplatz benutzt.

Das einzige Haus, welches vom Brande verſchont blieb, war das am Kirchhof liegende Armen⸗ hoſpital. Hinter dasſelbe, dem Friedhofe näher, wurde um 1715 ein neues Hoſpital gebaut zum Erſatz für das früher in der Judengaſſe befindliche, durch den Brand zerſtörte. In der Nähe des

Der oben erwähnte Pächter des Völker'ſchen Bleichgartens, der nicht blos ſelbſt, ſondern mit ſeinem ganzen Hausgeſinde jederzeit ſeinen Weg über den Friedhof zu nehmen pflegte, wurde klagbar, weil er von demOchſen geſtoßen worden war; die Juden behaupteten, er habe das Tier gereizt. Der Streit wurde anfangs unmittelbar nach erfolgter Klage kurzer Hand zu gunſten des Klägers entſchieden, der Ochs wurde abgethan. Dann ließen es aber die jüdiſchen Bau⸗ meiſter an näherer Begründung ihres Eigentumsrechtes nicht fehlen und erlangten eine Modification des Urteils. Bei dieſer Gelegenheit erfahren wir, daß damals, 1640, auf dem Friedhof noch folgende Gülten in Zinſen laſteten; es war zu zahlen: dem Kaſten(Almoſenkaſten) hier 5 fl. 8 kr., dem Johanniterhof 12 kr., dem Edlen von Neuhauſen 1 fl., dem Karmeliterkloſter 17 kr. und dem Bartholomäus⸗Stift 2 fl. und 3 orth.Dahero auch ſolcher Ort wieder ein⸗ geſchloſſen und bezirkt uns zu einer Begräbnus ohn manniglichen Eintrag ſo lange urvordenkliche Zeit ruhig gelaſſen (aus dem Schreiben der jüdiſchen Baumeiſter an den Rat datum 6. Aug. 1640.) Das oben erwähnte Ge⸗ meindebuch reicht bis in das Jahr 1546 zurück. Wie alle früheren Gemeindebücher war auch dieſes im Fettmilch'ſchen Aufſtande verloren gegangen, wurde aber von einem gelehrten Juden außerhalb Frankfurts in fremder Hand zufällig entdeckt, käuflich erworben und der Gemeinde zurück gegeben.

¹) So ſteht im Kaufbriefe. Näheres habe ich darüber bis jetzt nicht ermitteln können.

²) Original⸗Kaufbrief im Stadtarchiv. Dat. 1694, Montag 4. Juni(nicht 19. Juni wie Battonn V, 316 nach Schudt hat) unterſchrieben und unterſiegelt von Johann Ernſt Völker und Phil. Heinrich Flekhammer einerſeits und Salamon Judt zum ſchwarzen Bähren, Nathan Judt zum gulden Strauß anderſeits.