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bald nach ihrer Beſtattung gelangte an den Senat eine keaiſerliche Depeſche, woriu er heftige Klagen gegen Agrippina und Nero führte. Die Art und Weiſe, wie Tacitus dieſes endliche Losbrechen des Kaiſers motivirt, iſt ganz unhaltbar. Er behauptet nämlich, der damals ein⸗ undſiebzigjährige Kaiſer ſei bei dem Tode ſeiner Mutter völlig aus Rand und Band gebro⸗ chen, habe ſich jetzt völlig frei geſühlt und deshalb ſeiner tyranniſchen Natur alle Zügel ſchießen laſſen. Es iſt wirklich ſchwer, bei dieſer Darſtellung ernſthaft zu bleiben. Auch bleibt unklar, wie Tacitus zu der Behauptung kommt, das Schreiben des Kaiſers ſei ſchon früher angelangt, ſei aber von Livia verheimlicht worden und deshalb jetzt erſt an ſeine Ad⸗ reſſe gegangen. Unbegreiflich, wie Livia, die Todfeindin Agrippina's, dazu kommen ſoll, in der Art zu Gunſten der hochmüthigen Prinzeſſin zu wirken, noch unbegreiflicher aber, wie Tacitus glauben kann, daß die officielle Correſpondenz des Kaiſers mit dem Senate durch die Hände der alten Frau gegangen ſei. Weiter hat es Tacitus nicht für gut befunden, uns den Wortlaut des kaiſerlichen Schreibens anzugeben. Wir müſſen ihm deshalb ſeine Verſicherung glauben, er habe gegen Nero nur wegen Unkeuſchheit und unzüchtigen Verkehrs mit jungen Männern geklag, gegen Agrippina wegen ihrer anmaßenden Reden und ihrer ſtörriſchen, trotzigen Sinnesart.
Die Verleſung des Schreibens erregte im Senat ungeheure Beſtürzung; lange ſaß man ſchweigend, da Niemand wagte, für oder gegen die Anklage des Kaiſers ein Wort laut wer⸗ den zu laſſen, bis endlich Cotta Meſſalinus den Antrag ſtellte, man möge dem Wunſche Tiber’'s Folge geben und die Unterſuchung gegen die Beſchuldigten in geſetzlicher Weiſe ein⸗ leiten. Dieſem Antrage Cotta's widerſprach der vom Kaiſer angeſtellte Protocollführer, Ju⸗ nius Ruſticus. Junius war ein kluger, vorſichtiger Mann, der bei allem, was er that, die Conſequenzen wohl erwog und deshalb dem Senate zu bedenken gab, wie leicht den Kaiſer dereinſt eine Vernichtung der Agrippiniſchen Familie bitter gereuen könne. Der kluge Mann mochte auch die Möglichkeit eines Thronwechſels in Erwägung gezogen haben; denn Tiber war alt, wenige Augenblicke konnten die Lage völlig umgeſtalten, und der Kaiſer Nero konnte es den ſchwer entgelten laſſen, der gegen den Prinzen ſo rückſichtslos vorgegangen war. Noch ein anderer Umſtand wirkte auf die Entſchließung des Senates; das Volk hatte ſich nämlich unter Vorantragung der Bildniſſe Nero's und Agrippina's vor der Curie zuſammengerottet, ließ den Kaiſer hochleben, aber auch zugleich Rufe erſchallen, das Schreiben ſei gefälſcht und die Familie des Germanicus ſolle gegen den Willen des Tiber einer Intrique Sejans zum Opfer gebracht werden. Der ängſtliche Senat läßt ſich einſchüchtern und geht ohne den Brief des Kaiſers weiter zu berückſichtigen zur Tagesordnung über.—
Dieſes Verfahren des Senats mußte den Kaiſer nothwendig tief verletzen. In einem ſehr heftigen Schreiben machte er der hohen Körperſchaft ernſte Vorwürfe über die Bloßſtel⸗ lung des kaiſerlichen Anſehens und tadelte zugleich die Bürgerſchaft in ſtarken Ausdrücken wegen ihrer aufrühreriſchen Zuſammenrottung während der Senatsſitzung. Seine Anklage gegen Agrippina und Nero wiederholte er, warnte aber vor extremen Beſchlüſſen, worauf ſich der Senat feierlich bereit erklärte,„er werde ſtrenge Ahndung üben, ſobald der Kaiſer Befehl ergehen laſſe.“
Hier verläßt uns die taciteiſche Schilderung des Agrippiniſchen Prozeſſes. Ueber die Einzelheiten des eingeleiteten Verfahrens haben wir keine Kunde. Nur ſo viel wiſſen wir, daß ſowohl Agrippina alsihre Söhne des Hochverraths für ſchuldig erklärt und für Feinde des Vaterlandes erach⸗ tet wurden. ²³) Tiberius nahm von der Todesſtrafe Abſtand und begnügte ſich mit der Deportation der Verurtheilten. So wurde Nero nach einer der Ponza's⸗Inſeln gebracht, wo er kurze Zeit darauf. wohl aus Furcht vor dem Tode durch Henkershand, ſeinem Leben durch Hungern freiwillig
³) Sueton. Tib. 64. Nurum ac nepotes numquam aliter post damnationem quam ca. tenatos obsutaque lectica loco movit.


