Aufsatz 
Germanicus und Agrippina, namentlich in ihrem Verhältnis zu Kaiser Tiberius : 2. Teil. Nach dem Tode des Germanicus
Entstehung
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der Familie des Germanicus zur Zeit von deſſen blühenden Glücke, derſelben auch im Un⸗ glücke bewahrt habe; zugleich ergoß er ſich in Lobreden auf Germanicus und in Aeußerun⸗ gen mitleidsvoller Theilnahme für Agrippina. Und als dann Sabinus, wie ja in un⸗ glücklichen Lagen die Gemüther der Menſchen weich geſtimmt ſind, in Thränen ausbrach und in ſeine Klagen einſtimmte, ließ er ſich immer freimüthiger aus in ſchweren Anklagen gegen Sejan, ſeine Grauſamkeit, ſeinen Uebermuth, ſeine ehrgeizigen Abſichten; ja ſelbſt ge⸗ gen Tiber erlaubte er ſich beleidigende Aeußerungen. Solche Unterhaltungen führten zu einer engeren Freundſchaftsverbindung zwiſchen den beiden durch ihre Aeußerungen ſcheinbar beiderſeitig compromittirten Männern. Sabinus ſuchte jetzt ſeinerſeits von ſelbſt den Latiaris auf, kam faſt täglich in deſſen Haus, um ſeines Herzens Kümmerniſſe demſel⸗ ben als dem treuſten Freunde auszuſchütten. Die oben erwähnten Verbündeten hielten nun Rath, wie man es anfangen möge, mehrere Ohrenzeugen ſeiner Mittheilungen zu erhalten; denn Latiaris und Sabinus kamen immer ohne Zeugen zuſammen, und dieſer Schein des Alleinſeins beider mußte erhalten werden. Hinter den verſchloſſenen Thüren zu horchen war unräthlich, man mußte fürchten, geſehen zu werden, ſich durch ein Geräuſch zu verrathen, vielleicht war auch ſchon ein Argwohn(bei Sabinus) aufgeſtiegen. Man griff alſo zu dem ſchmählichen Auskunftsmittel, daß die drei Senatoren ſich dazu herbeiließen, in den ſchmutzi⸗ gen Verſteckwinkel zwiſchen Dach und Plafond des Zimmers zu kriechen und dort das Ohr an Löcher und Spalten legend, mit verabſcheuungswürdiger Argliſt die Lauſcher zu machen. Latiaris inzwiſchen ſucht den Sabinus auf, trifft ihn auf der Straße und zieht ihn unter dem Vorwande, daß er ganz neue Dinge in Erfahrung gebracht, die er ihm mittheilen wolle, in ſein Haus und in das beſtimmmte Gemach. Hier erzählt er ihm bereits Geſchehenes und Bevorſtehendes in Fülle und eine Schreckensgeſchichte über die andere. Ganz Gleiches ſprach der Andere und um ſo ausführlicher, da bekanntlich der Menſch ſchlimme Dinge, wenn er einmal angefangen hat, ſeinem Herzen Luft zu machen, noch ſchwerer zurückzuhalten vermag. Jetzt ging es eilig an die Anklage. Die Verbündeten ſetzen briefliche Berichte an den Kaiſer auf, in denen ſie den ganzen Hergang des Bubenſtücks und damit ihre eigne Schande erzählen. Da kam eine Angſt, wie ſie niemals größer geweſen war, über die Stadt; man ſchloß ſich ab gegen die nächſten Befreundeten; man vermied Zuſammenkünfte und Geſpräche; bekannte und unbekannte Hörer, ja ſelbſt die ſtummen und lebloſen Dinge, Mauern und Wände, betrachtete man mit ängſtlicher Vorſicht. Der Kaiſer aber ging in ſeinem Cabinets⸗ ſchreiben an den Senat, in welchem er für den erſten Januar wie gewöhnlich die feierlichen Wünſche für den Jahresanfang ausſprach, ſofort auf Sabinus über, den er beſchuldigte, mehrere ſeiner Kammerdiener beſtochen und Anſchläge gegen ſein Leben geſchmiedet zu haben und forderte mit unzweideutigen Worten die Ahndung des Frevels. Sie ward ungeſäumt beſchloſſen. Sabinus ward verurtheilt und ſofort zur Hinrichtung abgeführt. Unterwegs ſchrie er, ſo gut er es bei verhülltem Haupte und zuſammengeſchnürtem Halſe vermochte: ſo beginne man den Jahresanfang, ſolche Opfer ſchlachte man dem Sejan. Wohin er ſeine Augen wandte, wohin ſeine Worte trafen, überall floh man, überall wurde es öde, leerten ſich die Straßen, die Marktplätze. Doch kamen Manche wieder zurück. Sie wollten ſich öffentlich zeigen, denn ſie fürchteten ſchlimme Folgen ſelbſt dafür, daß ſie Furcht gezeigt hat⸗ ten! Denn(ſo flüſterte man ſich heimlich zu) welcher Tag werde jetzt noch ohne Straf⸗ act hingehen, da ſogar mitten unter Opfern und Gebeten, an einem Tage, wo die Sitte gebiete, ſich ſelbſt unheiliger Worte zu enthalten, Ketten und Henkerſtrick eingeführt würden? Nicht abſichtslos habe Tiber etwas ſo gehäſſiges geſchehen laſſen: vielmehr ſei in bewußter Abſicht die Gelegenheit wahrgenommen, den Leuten den Glauben an die Hand zu geben, daß die neu eintretenden Beamten ebenſo gut wie die Tempel und Altäre auch die Kerker aufzuſchließen bereit ſeien. Später traf ein Schreiben ein, in dem der Kaiſer ſeinen Dank