zu verſchaffen wußten, der gereizten und unvorſichtigen Frau die trügeriſche, verfängliche Mit⸗ theilung machen, Tiberius beabſichtige ſie zu vergiften; ſie möge ſich deshalb an der Tafel ihres Schwiegervaters wohl in Acht nehmen. ⁴) Agrippina ließ ſich in der plumpen Schlinge fangen. Bei Tiberius zur Tafel geladen, rührte ſie keine der aufgetragenen Speiſen an, erwiderte auch, obgleich ſie an der Seite des Kaiſers ſaß, keine ſeiner rückſichtsvollen Auf⸗ merkſamkeiten. Tiberius wurde endlich durch das auffallende Benehmen ſeiner Schwieger⸗ tochter aufmerkſam gemacht, und um ſich zu vergewiſſern, präſentirte er ihr eigenhändig mit lobenden Worten einen Teller eben aufgetragener Früchte. Agrippina reichte dieſelben, ohne ein Wort zu ſagen und ohne ſie nur mit dem Munde zu berühren, den Dienern. Das war eine Beleidigung für den Kaiſer, wie ſie bitterer nicht gedacht werden konnte, und wenn der tief verletzte Mann in zornigem Aufbrauſen heftig gegen ſie losgefahren wäre,— wir dürf⸗ ten es ihm wahrhaftig nicht verübeln. Aber Tiber bleibt ruhig. Ohne gegen Agrippina direkt ein Wort zu ſagen, wendet er ſich zu ſeiner Mutter mit der Aeußerung:„Es wäre wahrhaftig kein Wunder, wenn ich der Perſon eine derbe Lection gebe, die mich der Gift⸗ miſcherei zu verdächtigen ſucht.“— Groll im Herzen gingen die Beiden auseinander.
Sejan hatte ſeinen Zweck vollkommen erreicht. Agrippina war unklug genug geweſen, der plumpen Verdächtigung des Kaiſers Glauben zu ſchenken, und wenn Tiber auf jenen Vorfall hin die Agrippina nicht mehr zu Tiſch lud, auch ſonſt ſich von der unverbeſſerlichen Frau möglichſt fern zu halten ſuchte, ſo hatte ſie das einfach ſich ſelbſt zuzuſchreiben. Na⸗ türlich war bei ihrer bekannten Leidenſchaftlichkeit jener Zwiſchenfall an der kaiſerlichen Tafel nicht geeignet, ſie von ihren ungerechten Vorurtheilen gegen ihren Schwiegervater zu befreien. Sie ſowohl, als ihre Söhne Nero und Druſus gaben um ſo mehr den Einflüſterungen der Abgeſandten Sejan's Gehör. Die beiden Söhne der Agrippina waren zwei Naturen, wie ſie Sejan für ſein Intriguenſpiel nicht paſſender hätte finden können. Nero hatie einige Aehnlichkeit mit ſeinem Vater Germanicus, und wenn ihm einige der edleren Eigenſchaften ſeines Vaters abgingen, ſo hatte er deshalb doch die Zuneigung Agrippina's in einem höhe⸗ ren Grade als ſein Bruder Druſus, weil er eine ſchlaffe, leicht lenfkſame Natur war, wäh⸗ rend Druſus von wilder trotziger Sinnesart nicht der Mann war, der ſich in einer bedeuten⸗ den Stellung durch weiblichen Einfluß, und wäre es von ſeiner eigenen Mutter geweſen, hätte leiten laſſen. Der ſchlaue Sejan kannte die Charaktereigenthümlichkeiten der beiden Brüder ganz genau und baute darauf ſeine verwegenen Entwürfe. Durch ergebene Agenten ließ er den Nero zu unbedachten, trotzigen Aeußerungen gegen den Kaiſer verleiten, während er den unvorſichtigen Druſus als Werkzeug gegen den älteren Prinzen benutzte. Beide gin⸗ gen in die Falle. Alle Schritte Nero's wurden von den aufmerkſamen Spionen Sejan’'s bewacht, unter denen ſogar die Gattin des Prinzen, Julia, eine Tochter des Druſus und der Livilla, ſich zu Späherdienſten gegen ihren Gemahl benutzen ließ. Die ganze Familie war von Sejan in der Art mit Auſpaſſern umgeben worden, daß ſogar die Ehrenwache der kaiſerlichen Cohorten jeden Schritt und Tritt Agrippina's und ihrer Söhne aufs aufmerk⸗ ſamſte beobachtete. Es wurde förmlich Buch geführt über die Leute, welche bei der Prinzeſ⸗ ſin ein⸗ und ausgingen, über die Perſonen, mit denen ſie correſpondirte, kurz über Alles und Jedes, was irgendwie zu einer Anſchuldigung bei dem Kaiſer dienen konnte.
Nach dieſer Darſtellung des Tacitus dürfte man geneigt ſein anzunehmen, Agrippina und ihre Söhne ſeien einzig und allein die Opfer von Sejan's teufliſcher Intrigue geweſen, ſie ſeien unſchuldiger Weiſe durch die ſchlauen Agenten des Miniſters in den Verdacht hoch⸗ verrätheriſcher Unternehmungen gekommen, und dieſe Anſicht halten denn auch wirklich einige Schriftſteller feſt. Allein dieſer Standpunkt kann nicht der richtige ſein. Wenn wir den Charak⸗
⁵) Ann, 1V, 54.


