Aufsatz 
Germanicus und Agrippina, namentlich in ihrem Verhältnis zu Kaiser Tiberius : 2. Teil. Nach dem Tode des Germanicus
Entstehung
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Aber wenn er auch ſo einen Conflict mit ſeiner Schwiegertochter glücklich vermieden hatte, ſo war doch Agrippina nicht die Frau dazu, die gegen den alten Kaiſer dieſelben Rück⸗ ſichten genommen hätte. Ihre unbändige Leidenſchaft, das Unglück ihres ganzen Lebens, riß ſie bald darauf zu einem Schritt hin, der dem Kaiſer jeden Zweifel an ihrer Geſinnung benehmen mußte, wenner nach früheren Vorgängen einen ſolchen überhaupt noch hegen konnte.

Im Jahre 26 nämlich wurde in Rom wieder eine Freundin Agrippina's vor Gericht gezogen, die mit der Prinzeſſin in engem Verwandtſchaftsverhältniſſe ſtand, Claudia Pulchra. ³) Domitius Afer belangte dieſe Frau wegen unkeuſchen Lebenswandels, wegen Ehebruchs mit Furnius und wegen hochverrätheriſcher Anſchläge auf das Leben des Kaiſers. Ob Agrippina mit den hochverrätheriſchen Plänen Claudias im Einverſtändniß ſtand, können wir nach der Dar⸗ ſtellung des Tacitus nicht mit Beſtimmtheit entſcheiden. Jedenfalls iſt nicht gut abzuſehen, aus welchem perſönlichen Intereſſe Claudia jene verbrecheriſchen Pläne gefaßt hat, und das Benehmen Agrippina's bei dieſer Angelegenheit läßt uns beinahe vermuthen, daß ihr Gewiſſen hinſichtlich ihrer Beziehungen zu Pulchra nicht ganz rein war. Sobald ſie nämlich die Anklage ihrer Buſenfreundin vernommen, eilt ſie zum Kaiſer, den ſie gerade mit einem Opfer für Auguſtus beſchäftigt trifft. Hieran anknüpfend fällt ſie ſofort in höchſt beleidi⸗ gender Weiſe über ihn her und macht ihm die bitterſten Vorwürfe, daß er dem Auguſtus Opfer bringe, während er ſeine wirklichen Nachkommen beleidige und verfolge. In ihren Adern fließe das ächte Blut der Julier, gegen ihre Perſon ſei der Angriff Pulchra's ge⸗ richtet, ihr wolle man mit der Beſchimpfung ihrer Freundin eine Erniedrigung bereiten. Der Kaiſer bleibt wie gewöhnlich dem leidenſchaftlich erregten Auftreten ſeiner Schwieger⸗ tochter gegenüber ganz ruhig. Er läßt ſie, ohne ſie zu unterbrechen, ihren giftigen Groll ruhig ausſchütten und ſagte ihr dann, mit ernſter Miene ihre Hand ergreifend:Es iſt doch kein Unrecht, mein Töchterchen, daß du nicht Herrſcherin biſt.)

Pulchra und Furnius wurden verurtheilt.

Agrippina war in Folge der heftigen Aufregung, in welche ſie der ſoeben erzählte Vorfall verſetzt hatte, in ein bedenkliches Fieber verfallen. Als ihr der Kaiſer während ihrer Krankheit einen theilnehmenden Beſuch erſtattete, empfing ſie ihn ſchweigend und gab auf ſeine freundlichen Fragen lange keine Antwort. Dann begann ſie heftig zu ſchluchzen und als er lange und eindringlich gefragt hatte, was ihr denn fehle, überhäufte ſie ihn mit vorwurfs⸗ vollen Bitten, er möge doch ihrer Verlaſſenheit zu Hülfe kommen und ihre Wiederverheirathung geſtatten. Sie motivirte ihre Bitte dadurch, daß ein rechtſchaffenes Weib nur in der Ehe Troſt finden könne: ſie ſei ja noch ausreichend jung und es werde ſich in Rom wohl noch ein Mann finden, der ſich herbeilaſſen werde, des ſeligen Germanicus Gattin und Kinder in ſein Haus aufzunehmen. Der Kaiſer war von dem unerwarteten Antrag höchlich überraſcht. Er fühlte ſofort heraus, daß eine vierzigjährige Frau, die ſchon neun Kinder geboren, eine nochmalige Verheirathung nur aus vorwiegend politiſchen Abſichten wünſchen könne; und um ſeine Beſorgniß nicht merken zu laſſen, gab er ihr trotz ihrem heftigen Drängen gar keine Antwort, ſondern verließ ſtillſchweigend ſo raſch als möglich ihr Zimmer.)

Der ſtets auſmerkſame Sejan benutzte das zwiſchen Tiber und Agrippina eingetretene Mißverhältniß auf's eifrigſte zu erneuten Intriguen und Hetzereien. So ließ er durch ſeine Agenten, die ſich unter dem Schein der Freundſchaft in den Zirkeln Agrippina's Eingang

3, Ann. IV, 52.. ) Nach Sueton. Tib. 53. Si non dominaris, filiola, injuriam te accipere existimas? Nach Tac. Ann. IV, 52. Non ideo laedi quia non regnaret. 1) Ann. IY, 53. Id ego, a scriptoribus annalium non traditum, repperi in commentariis Agrippinae filiac, quae, Neronis principis mater,vitam suam et casus suorum posteris memoravit.