Aufsatz 
Germanicus und Agrippina, namentlich in ihrem Verhältnis zu Kaiser Tiberius : 2. Teil. Nach dem Tode des Germanicus
Entstehung
Einzelbild herunterladen

ſich Silius in bramarbaſirenden Reden ſeiner Siege oft überhoben und den Kaiſer durch ſein anmaßendes Weſen empfindlich beleidigt hatte. Deßhalb wurde gegen ihn und ſeine Gattin, die mit Agrippina ſehr befreundet war, eine Anklage auf Hochverrath eingeleitet. Die Anklage war in allen Punkten wohl begründet, und Silius ſcheint auch im Bewußtſein ſei⸗ ner Schuld eine Vertheidigung kaum verſucht zu haben. Er ſowohl, als ſeine Gattin wurden verurtheilt und Silius zog dem Tod durch Henkers Hand den Selbſtmord vor.

Wir haben es alſo hier mit zwei ganz gemeinen Verbrechern zu thun. Waren dieſe Verbrecher mit Agrippina befreundet, ſo iſt das gerade nicht geeignet, ein günſtiges Vorur⸗ theil für die Prinzeſſin zu erwecken. Da aber der erzählte Proceß mit der Sache Agrip⸗ pina's abſolut nicht im Zuſammenhange ſteht, was doch Tacitus uns glauben machen will, ſo können wir nur bedauern, daß auch er an jenem Mangel eines geſunden Ge⸗ rechtigkeitsgefühles leidet, den man faſt allen Hiſtorikern der Kaiſerzeit ſo oft zum Vorwurf machen muß. 1

Agrippina mochte ſich wohl im Stillen ärgern, daß zwei der eifrigſten Anhänger ihrer Partei durch ſo gemeine Verbrechen, wie die oben erwähnten, gefallen waren. Allein ſie war diesmal noch klug genug, ihren Groll gegen Niemanden merken zu laſſen. Tiberius wußte deßhalb doch, mit wem er es zu thun hatte; er war ſtets auf ſeiner Hut und ſuchte namentlich Alles zu vermeiden, was die Eiferſucht der Prinzeſſin wachrufen und ihren Stolz hätte beleidigen können. Von ſolchen Rückſichten war er geleitet, als er ſeinem Miniſter Sejan die Bitte um die Hand der Livilla, der hinterlaſſenen Wittwe des Druſus, abſchlug. Es iſt kein Zweifel, daß der verwegene Emporkömmling ſich allen Ernſtes mit Plänen ge⸗ tragen hat, die auf nichts Geringeres abzielten, als auf die Eroberung der Kaiſerkrone. Allein Sejan war kein gewöhnlicher Intriguant; ſeine Combinationen waren für lange Zeit entworfen und Schritt für Schritt gedachte er ſeinem ſtolzen Ziele langſam, aber ſicher, näher zu rücken. Das bedeutendſte Hinderniß ſeiner ehrgeizigen Beſtrebungen, der Kronprinz Dru⸗ ſus, war bereits ſeiner verbrecheriſchen Liſt zum Opfer gefallen; die Agitation gegen Agrip⸗ pina und ihre Söhne war im beſten Gange; es mußte ihm jetzt darauf ankommen, für ſeine Perſon eine derartige Rangerhöhung zu erlangen, welche die einſtige Verwandlung des Miniſters in den Kaiſer nicht allzu auffallend erſcheinen ließe. Deßhalb ging ſeine Ab⸗ ſicht dahin, ſich zum Gemahl der kaiſerlichen Prinzeſſin Livia zu machen. Er wäre vielleicht noch nicht ſo frühzeitig mit ſeinem ehrgeizigen Plane offen hervorgetreten, wenn nicht das leichtſinnige Weib ſelbſt, niedergedrückt von der Mitſchuld an dem Verbrechen ihres Buhlers und begierig die Früchte ihrer ſchwarzen That bald zu ernten, fortwährend gedrängt und an die Erfüllung des gegebe⸗ nen Eheverſprechens eindringlich erinnert hätte. So richtete denn Sejan in einer ſchriftlichen Vorſtellung an den Kaiſer die Bitte, ihm die eheliche Verbindung mit ſeiner Schwiegertoch⸗ ter zu geſtatten. Tiberius war höchlich überraſcht über die hochſtrebende Forderung ſeines Günſtlings. Wahrſcheinlich ahnte er dunkel, daß das Vorgehen Seians nicht ein Ausfluß reiner Liebesleidenſchaft ſei, ſondern politiſche Triebfedern haben müſſe. Er erbat ſich deß⸗ halb eine kurze Bedenkzeit und, nachdem diefe verfloſſen war, ſchlug er die Bitte ſeines Mi⸗ niſters in einer Form, die nicht verletzen konnte, ab. Dieſer Zwiſchenfall iſt für unſere Un⸗ terſuchung inſofern von einiger Wichtigkeit, als Tiberius unter den Motiven für die Ver⸗ weigerung der Bitte auch den Grund anführt, ²) daß eine nochmalige Verheirathung Livia's, zumal mit einem ſo hochſtehenden Manne wie Sejan, die jetzt ſchon heftig auflodernde Eifer⸗ ſucht Agrippina's zu noch ſtärkerer Gluth anfachen müſſe. Und damit hatte er völlig Recht!

²) Ann. IV, 40. De inimicitiis primum Agrippinae, quas longe acrius arsuras, si matrimo- nium Liviae velut in partes domum Caesarum distraxisset. Sic quoque erumpere aemulationem feminarum eaque discordia nepotes suos convelli; quid si intendatur certamen tali conjugio?