Aufsatz 
Germanicus und Agrippina, namentlich in ihrem Verhältnis zu Kaiser Tiberius : 2. Teil. Nach dem Tode des Germanicus
Entstehung
Einzelbild herunterladen

33

So unvollſtändig die bei Tacitus vorliegenden Berichte ſind,(ſie gehen nicht weiter, als bis zur Anklage) ſo können wir doch aus der Art und Weiſe des uns vorliegenden zur Genüge entnehmen, welche Tendenz der Schriftſteller verfolgt: er will Agrippina und ihre Söhne rein waſchen und alle Schuld dem Tiberius aufhalſen. Dieſes Beſtreben zeigt ſich vor Allem darin, daß er mit der Sache Agrippina's einige gerichtliche Beſtrafungen in Zu⸗ ſammenhang zu bringen ſucht, die damit abſolut Nichts zu thun haben; ferner in dem Um⸗ ſtand, daß er, ſofern Agrippina wirklich in gewiſſem Grade ſchuldig ſein ſollte, die größere Hälfte der Schuld auf den Sejanus abzuwälzen ſucht, der die Agrippina und den Nero durch ſeine agents provocateurs zu unbedachten Aeußerungen verleiten läßt und ſo durch ſeine Intriguen Mutter und Sohn, die natürlich Beide ganz unſchuldig ſind, ins Verderben ſtürzt. Der Kaiſer Tiberius erſcheint in dieſem Intriguenſpiel nur als das bethörte, irrege⸗ leitete Opfer Sejan's, und in gewiſſem Grade iſt dieſe Anſchauung richtig. Wenn ſpätere Schriftſteller behaupten wollen, Tiber habe mit Sejan unter einer Decke geſteckt, er habe die Provocationen ſeines Miniſters zum Verderben der Agrippina begünſtigt und befohlen, ſo iſt das einfach eine Uebertreibung, die ſich am Beſten durch die einzigen uns erhaltenen Worte aus der Selbſtbiographie des Kaiſers widerlegt. Sejan hat agirt; das ſteht unzweifelhaft ſicher; allein ebenſo ſicher ſteht, daß Agrippina ſowohl als ihre beiden Söhne ſchwere Schuld auf ſich geladen haben und daß ihr trauriges Loos ein wohl verdientes war. Die Darſtel⸗ lung des Tacitus apologiſirt von vorneherein, noch ehe wir an Agrippina's ehrgeizige Be⸗ ſtrebungen denken. Wenn die Livia, die Gattin des Druſus, Zwillingsſöhne gebiert und der alte Kaiſer ſeiner Herzensfreude über das glückliche Ereigniß im Senate lauten Ausdruck gibt, ſo weiß Tacitus ganz genau, daß das Volk ſich über das Glück der kaiſerlichen Familie ſehr gegrämt habe,) weil durch die Geburt der Zwillinge die Ausſichten der Familie des Germa⸗ nicus auf den Thron verringert würden. Daß das Volk ſich ſolche Gedanken macht, iſt ganz unnatürlich; wer ſo calculirt hat, iſt unſchwer zu errathen. Als Tiberius ſeinem Sohne Druſus von der Rednerbühne herab die Leichenrede hielt, da trauerte Senat und Volk um den hoffnungsvollen Prinzen. Tacitus ſelbſt hat uns vorher erzählt, daß der ganze Senat in Thränen zerfloß, als der Kaiſer den Tod ſeines Sohnes anzeigte und daß Alle von Schmerz niedergebeugt geweſen ſeien außer dem feſten Kaiſer. Was behauptet er nun? Die Trauer von Senat und Volk, ſein Seufzen und Stöhnen, ſeine Beileidsrufe, ſeien nur Heuchelei geweſen, nur Schein der Trauer, in die man ſich wie in ein Gewand gekleidet habe, während man ſich im Inneren über die erneuerten Ausſichten der Agrippiniſchen Fa⸗ milie herzlich gefreut.) Wie, beim Tode eines allgeliebten Kronprinzen freut ſich ein gan⸗ zes Volk, daß ein junger Menſch von 19 Jahren, den man kaum einmal öffentlich geſehen hat, auf den Thron kommt? Wie, ein ganzes Volk, Hunderttauſende von Menſchen, heucheln eine Trauer, mit der es ihnen nicht ernſt iſt, ſie freuen ſich innerlich, während ſie in Thrä⸗ nen zerfließen? Das glaube, wer Luſt hat!

Nach dem Tode des Druſus ſtanden den ehrgeizigen Plänen Sejans nur noch Agrip⸗ pina und ihre beiden Söhne im Wege. Der ſchlaue Intriguant wußte recht gut, wie man Leuten von Agrippina's Gemüthsart beikommen müſſe. Er ließ deshalb durch ſeine Agenten gegen Agrippina und ihre Söhne ein Verfahren einleiten, welches an verworfener Nieder⸗ trächtigkeit Alles übertrifft, was Sejan je geleiſtet hat. Agrippina kam dem intriguanten Miniſter willig entgegen. In ihrer Unbeſonnenheit und Leidenſchaftlichkeit wußte ſie die ver⸗ wegenen Hoffnungen ihres kühn aufſtrebenden Geiſtes nicht genügend zu verbergen, ſo daß

8) Ann. II, 84. 9*) Ann. IV, 12.