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gebührlichen Aeußerungen, welche in den Cirkeln Agrippina's fielen, würden es allerdings nicht verwunderlich erſcheinen laſſen, wenn Tiberius zu energiſchen Gegenmaßregeln, zu Handlungen der Rache geſchritten wäre. Doch davon hören wir nichts. Nach wie vor bleibt er ſich gleich in unverändertem Wohlwollen gegen die Familie ſeines geſchiedenen Adoptiv⸗ ſohnes und wenn Tacitus trotzdem behauptet,„Tiber ſei dem Hauſe des Germanicus niemals günſtig geweſen,“ ³) ſo iſt das eben eine unerwieſene Behauptung, die durch die Thatſachen widerlegt wird. Denn Alles, was Tiber in Bezug auf Agrippina und ihre Kinder thut, läßt ſein Verhalten gegen die vaterloſe Familie als vorwurfsfrei er⸗ ſcheinen. So trug er Sorge, daß des Germanicus älteſter Sohn Nero, ſobald er das ge⸗ eignete Alter erreicht, in die Staatsgeſchäfte eingeführt werde. Er empfahl ihn, den damals ſechszehnjährigen, in eindringlicher Rede dem Senate und beantragte, daß ihm geſtattet werden möge, ſich fünf Jahre vor der geſetzlichen Zeit um die Quäſtur zu bewerben. Zugleich ernannte er ihn zum Oberprieſter. Als ſich der junge Prinz zum erſten Male auf dem Forum zeigte, brach das Volk in lauten Jubel aus in ſeiner Freude darüber, daß die Kinder des Germanicus ſchon erwachſen ſeien. Die Freude des Volkes wurde noch erhöht durch einen Act fürſtlicher Freigebigkeit von Seiten des Kaiſers. Die Bürger erhielten näm⸗ lich im Namen des jungen Prinzen zur Feier des freudigen Ereigniſſes ein Congiarium, welche freigebige Spende wohl geeignet war, die außerordentliche Volksbeliebtheit, welche man dem Sohne des Germanicus ſchon ganz von ſelbſt entgegenbrachte, noch bedeutend zu erhö⸗ hen. Dann ſorgte der Kaiſer dafür, daß ſich Nero ſtandesgemäß verheirathe. Er fand für den Prinzen eine Gattin in ſeiner Enkelin Julia, der Tochter ſeines Sohnes Druſus, die wir zum Unterſchied von den drei anderen Julien der Cäſarenfamilie Julia IV nennen. Ebenſo ſorgte der Kaiſer auch für den zweiten Sohn des Germanicus, den Prinzen Druſus. Im Jahre 23 hatte der Prinz 16 Jahre erreicht und legte die toga virilis an. Der Kaiſer ſtellte im Senate für ihn dieſelben Anträge, die er drei Jahre früher für den Prinzen Nero geſtellt hatte, und gedachte zugleich in lobender Erwähnung ſeines Sohnes Druſus, dafür, daß er ſeine Neffen mit ſo väterlichem Wohlwollen wie ſeine eigenen Kinder behandle. Im Allgemeinen war auch die öffentliche Meinung dafür, daß die kaiſerliche Familie den hinter⸗ laſſenen Waiſen des Germanicus gegenüber vollſtändig ihre Pflicht thue und namentlich war man einig in dem Lobe des Kronprinzen Druſus. ¹)— Agrippina konnte zufrieden ſein; ſie haite keine Zurückſetzung zu erleiden gehabt, es war im Gegentheil Alles geſchehen, was ſie billigerweiſe für ihr Haus erwarten und beanſpruchen konnte. Möglich, daß ſie ſich vielleicht allmählich in das Unvermeidliche geſchickt, daß ſie ſich vielleicht daran gewöhnt hätte, einen Andern auf dem Thron zu ſehen, der ihrer Meinung nach ihr gebührte;— möglich, wenn nicht urplötz⸗ lich ein Ereigniß über das Kaiſerhaus hereingebrochen wäre, das mit einem Schlage die ganze Sachlage völlig umgeſtaltete, das die in Agrippina's Bruſt ſchlummernden Hoffnungen zu neuer leidenſchaftlicher Gluth anfachen mußte: der Tod des Druſus. Es iſt bekannt, durch welch' ſchmähliches Verbrechen der Prinz um ſein Leben gekommen iſt. ⁵) Er fiel der rück⸗ ſichtsloſen Herrſchſucht des allmächtigen Miniſters Sejan zum Opfer, wovon man damals freilich keine Ahnung hatte; das Verbrechen enthüllte ſich erſt zehn Jahre ſpäter.— Der Tod des Druſus war wohl der härteſte Schlag, der den viel geprüften, unglücklichen Kaiſer je getroffen. Nach dem Tod des Germanicus ſah er in ſeinem leiblichen Sohn die einzige
³) Ann. IV, 17. Tiberius haud umquam domui Germanici mitis.
4) Apn. IV, 4. Addidit orationem Caesar, multa cum laude filii sui, quod patria benevolen- tia in fratris liberos foret. Nam Drusus, quamquam arduum sit eodem loci potentiam et concor- diam esse, aequus adulescentibus aut certe non adversus habebatur.
5, Cf. Ann. 4, 8. sepp.


