Aufsatz 
Germanicus und Agrippina, namentlich in ihrem Verhältnis zu Kaiser Tiberius : 2. Teil. Nach dem Tode des Germanicus
Entstehung
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nur von dem Vorwurfe des Mordes vermochte er ſich in den Augen der Richter zu reinigen. Und dieſe Reinigung gewinnt bei den obwaltenden Umſtänden noch eine erhöhte Bedeutung. Wir haben ſchon einige Male Gelegenheit gehabt, zu ſehen, mit welcher emſigen Geſchäftig⸗ keit, mit welch' gehäſſigem Eifer Piſo's Gegner Beweismittel gegen ihn zuſammengetragen hatten, oft in der rückſichtsloſeſten, ja unanſtändigſten Weiſe. Wenn es ihnen trotzdem nicht gelang, ihre Anklage beſſer zu motiviren, als ſie es wirklich thaten, ſo iſt das kein gutes Zeichen für ihre Sache. Bedenken wir ferner, daß der freiſprechende Senat ſehr ſchlecht auf Piſo zu ſprechen war, daß viele ihn tödtlich haßten, daß die meiſten ihn gar zu gern ver⸗ urtheilt hätten. Wenn zwiſchen Jury und Angeklagtem ſolche Beziehungen beſtehen, wie in dem uns vorliegenden Falle, ſo gewinnt ein freiſprechendes Urtheil eine außerordentliche Bedeutung.

Die Zeitgenoſſen der uns intereſſirenden Perſonen waren über die Schuld oder Un⸗ ſchuld des Piſo im Zweifel, die Quellen des Tacitus ſchwankten, Tacitus ſelbſt ſchwankt: adeo maxima quaeque ambigua sunt; wir dürfen nach 1800 Jahren nicht wagen, dem freiſprechenden Urtheile des Senates, des dem Piſo feindlich geſinnten Senates, ein ſchuldig entgegenzuſtellen. Tacitus glaubte wohl an die Schuld des Piſo; uns iſt ſie aus äußeren und inneren Gründen unwahrſcheinlich. Faſſen wir das Ergebniß unſerer Unter⸗ ſuchung kurz zuſammen, ſo dürfen wir wohl ſagen: Falls wir die Ermordung des Germa⸗ nicus annehmen, ſo hat Tiberius abſolut nichts damit zu ſchaffen. Der Mord iſt nicht er⸗ wieſen, iſt ſogar in hohem Grade unwahrſcheinlich, aber doch möglich. Wir müſſen die Sache in der Schwebe laſſen..

Tibers Verhalten gegen Agrippina und ihre Söhne.

Das leidenſchaftlich heftige Gebahren Agrippina's und ihrer Anhänger bei dem ſoeben geſchilderten Proceß hatte in erſter Linie ſeinen Grund in ihrem glühenden Haß gegen ihre Todfeinde Piſo und Plancina, dann dachte ſie auch wahrſcheinlich daran, aus den Enthül⸗ lungen, welche die Verhandlungen zu Tage fördern würden, Capital zu ſchlagen gegen Tiber und für ihre eigenen ehrgeizigen Pläne. Sie ſah ſich in ihrer Erwartung getäuſcht. Alle die giftigen Verleumdungen, welche man während des Proceſſes gegen den Kaiſer verbreitet hatte, waren von ihm abgeprallt, ohne ihm zu ſchaden, und die Rache gegen das Haus Piſo's war nur zum Theil befriedigt. Das Weib, welches ſie haßte, wie kein anderes unter der Sonne, das Weib, von dem ſie ſich ſchmählich beleidigt glaubte, das ſich vermeſſen hatte, ſich mit ihr, der kaiſerlichen Prinzeſſin, in eine Linie zu ſtellen, war frei ausgegangen; Grund genug für ſie, um mit dem Reſultat des Verfahrens, auf das ſie ſo große Hoffnun⸗ gen geſetzt hatte, in hohem Grade unzufrieden zu ſein. Sie machte denn auch aus ihrer Mißſtimmung gar kein Hehl, und in den Cirkeln ihrer Partei erging man ſich weidlich in hämiſchen, boshaften Bemerkungen über das Benehmen Tibers und Livias.¹) Man ging nicht davon ab, daß Germanicus vergiftet worden ſei, obgleich die gerichtliche Verhandlung den Mord nicht erwieſen hatte, und brachte den Kaiſer und ſeine Mutter zu dieſer Vergif⸗ tungsgeſchichte in verdächtige Beziehung. Der Kaiſer wußte recht gut, was vorging; allein er war groß in der Verachtung des Stadtgeſprächs ²) und ſetzte ſich leicht über die Verleum⸗ dungen eines Weibes weg, das ihm vorläufig nur mit der Zunge ſchaden konnte. Die un⸗

1) Ann. III, 17. 3 ²) Ann. III, 17. Tiberius spernendis rumoribus validum...