Aufsatz 
Germanicus und Agrippina, namentlich in ihrem Verhältnis zu Kaiser Tiberius : 2. Teil. Nach dem Tode des Germanicus
Entstehung
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zuhetzen. Auch der zweite Punkt, die in Fußboden und Wänden gefundenen Aſchenreſte und Verwünſchungsformeln, ſind nicht geeignet, den Piſo zu belaſten. Wie war es für den mit dem Prinzen vollſtändig zerfallenen Piſo möglich, derartige Dinge in das Haus zu ſchaffen, wo ihm in brüsker Weiſe die Thüre gewieſen worden war? Außerdem wäre ja der ganze Hocuspotus überflüſſig geweſen, wenn Germanicus ſchon eine wirkſame Gabe Gift bekommen hatte. Die dichteriſche Volksphantaſie begnügt ſich bei ſolchen Vorfällen nicht leicht mit dem natürlichen Verlauf der Dinge; ſie gebraucht gern eine übernatürliche, geſpenſterhafte Ver⸗ brämung, um die Sache noch grauſiger zu machen, als ſie an ſich ſchon iſt. Auch wäre die Möglichkeit nicht ausgeſchloſſen, daß die Freunde des Germanicus, welche den Piſo in den Tod haßten und von Rachedurſt glühten, jene Dinge ſelbſt in's Haus geſchafft, eine Ver⸗ muthung, die dadurch an Wahrſcheinlichkeit gewinnt, daß Germanicus gerade durch jene Freunde auf ſeinen Verdacht gebracht worden zu ſein ſcheint. Jedenfalls iſt die Nachricht ganz dazu angethan, uns mit dem allergrößten Mißtrauen zu erfüllen. Auch aus dem Zwiſchenfall mit Martina läßt ſich kaum eine Schlußfolgerung machen, um ſo weniger, als Tacitus ſelbſt das haſtige und rückſichtsloſe Vorgehen der Freunde des Germanicus bei Sammlung der Beweismittel, bevor noch die Annahme der Klage erkannt war, zu tadeln genöthigt iſt.

Das wären ſo ziemlich die einzigen Verdachtsgründe gegen Piſo. Einſchuldig kann man darauf hin unmöglich ausſprechen. Im Uebrigen ſtützen ſich die Beſchuldigungen der Gegner weſentlich auf das Benehmen des Piſo während des Germanicus Krankheit und nach ſeinem Tode. Nun kann allerdings nicht geleugnet werden, daß Piſo's Benehmen in hohem Grade tactlos und unanſtändig iſt. Allein wir müſſen auch bedenken, daß alle jene Nachrichten offenbar herrühren von ſeinen erbittertſten Feinden, die ihn auf Schritt und Tritt belauern und ihm Alles und Jedes, auch die harmloſeſten und unbedeutendſten Dinge, zum Schlimmen auslegen. Da iſt zuerſt die Störung der Dankfeierlichkeiten in Antiochia, wo Piſo das Volk durch ſeine Lictoren auseinander jagen läßt. Allein die Provinzialen wußten ja ganz genau, wie Germanicus und Piſo zu einander ſtanden; der Prinz war ein Liebling des Volkes, der Statthalter ſo unpopulär wie möglich; das Vergiftungsgerücht hatte ſchon Verbreitung und Glauben gefunden. Wie leicht iſt es möglich, daß ſich die Dankfeier für die Wiedergeneſung des Germanicus zu einer Demonſtration gegen Piſo geſtaltete! Und die Opfer auf der Inſel Cos mögen wohl auch auf Uebertreibungen beruhen. Das iſt doch kaum glaublich, daß Piſo feſtliche Opfer begangen habe mit dem ausgeſprochenen Zweck, den Tod des Germanicus zu feiern. Möglicherweiſe hat er geopfert wegen der glücklichen An⸗ kunft auf der Inſel; er hätte das geſcheiter gelaſſen, um nicht den eifrig ſpähenden Feinden Gelegenheit zur Verleumdung zu geben. Jedenfalls iſt bei der Aufnahme dieſer Mitthei⸗ lungen über Piſo's Verhalten die äußerſte Vorſicht geboten; denn die Federn der taciteiſchen Quellenſchriftſteller ſind hier in Gift und Galle getaucht.

Liegen denn nun objective Gründe vor, auf die hin man den Piſo verurtheilen könnte? Nein; im Gegentheil, der objective Thatbeſtand ſpricht viel eher zu Gunſten des Beſchuldig⸗ ten. Agrippina und ihre Anhänger hatten gefliſſentlich Alles aufgeboten, was dazu dienen konnte, dem Vergiftungsgerüchte Verbreitung und Glauben zu verſchaffen. So hatte ſich Agrippina ſogar zu der Unſchicklichkeit hinreißen laſſen, den Leichnam vor der Verbrennung auf dem Markte zu Antiochia öffentlich auszuſtellen; allein Tacitus muß zugeben, daß nicht genügend feſtgeſtellt worden ſei, ob ſich Spuren der Vergiftung an dem Körper gefunden. Damit iſt allerdings nicht die Unmöglichkeit der Vergiftung erwieſen; allein ebenſo wenig läßt ſich irgend eine Folgerung gegen Piſo daraus herleiten.

Es bleibt ſomit nichts übrig, als das Verdict der Senatoren. Das ſpricht aber ent⸗ ſchieden für Piſo. Denn bedenken wir: alle Anklagepunkte mußte der Beſchuldigte zugeben,