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natürlich, daß es faſt wunderbar erſcheinen müßte, wenn er nicht gekommen wäre. Das lag in den Characteren; aber auch in den Verhältniſſen. Die Stellung des Germanicus war eine ganz ausnahmsweiſe; und offenbar haben die Inſtruktionen beider Männer an einer Unklarheit gelitten, die es ſchwer machte, feſtzuſtellen, wo für den Prinzen die Grenze des Befehlens, für den Untergeneral die des Gehorchens aufhörte. Damit iſt aber auch Alles geſagt, was dem Kaiſer in dieſer Angelegenheit zur Laſt gelegt werden kann; und ob ein wirklicher Vorwurf darin liegt, ſteht noch dahin. Von einer Mitſchuld an dem Tode des Germanicus iſt er ohne Frage freizuſprechen.
Aber iſt denn Germanicus wirklich ermordet worden?
Von zehn Geſchichtswerken über die römiſche Kaiſerzeit ſagen gewiß neun: Germanicus wurde im Orient von Piſo vergiftet.— Iſt die Sache wirklich ſo unzweifelhaft gewiß? Wenn die Ermordung des Germanicus über allen Zweifel erhaben wäre, ſo würde Tacitus das mit dürren und nackten Worten ausgeſprochen haben. Allein der Hiſtoriker hütet ſich wohl, in einer unbewieſenen Sache ſein Urtheil anders als mit der größten Vorſicht abzugeben. Es gibt keine einzige Stelle, in der Tacitus die Ermordung des Prinzen direct ausſpräche. Freilich läßt die ganze Haltung ſeines Berichtes unzweifelhaft erkennen, daß er ſelbſt an einen gewaltſamen Tod des Germanicus glaubte. Das iſt aber auch Alles. Die Sache ſelbſt läßt er mit der größten Vorſicht in der Schwebe.
Unterſuchen wir die einzelnen Punkte, welche einen Verdacht gegen Piſo zu be⸗ gründen ſcheinen.
Zunächſt iſt ſicher, daß ſich Germanicus ſelbſt von Piſo vergiftet glaubte. Er ſpricht dieſe Meinung zu verſchiedenen Malen aus. Wie ſie ſich in ihm gebildet, erfahren wir ſelt⸗ ſamer Weiſe nicht.„Ferner fanden ſich in Fußboden und Wänden allerlei arge Dinge, mit⸗ telſt deren man nach dem Volksglauben das Leben der Menſchen den unterirdiſchen Geiſtern weihen zu können vermeint, nämlich aus Gräbern gewühlte Reſte menſchlicher Leichen, Zau⸗ ber⸗ und Verwünſchungsformeln nebſt des Germanicus Namen auf bleierne Tafel eingekratzt und halbverbrannte, mit Verweſungsmoder bedeckte Aſchenreſte.“ Bei der Nachricht vom Tode des Germanicus benahm ſich Piſo höchſt ſonderbar. Er gab ſeiner Freude in der unver⸗ hohlenſten Weiſe Ausdruck, ſchlachtete Opferthiere, und ſeine Gemahlin Plancina legte zum erſten Male die Trauerkleider ab, welche ſie bis dahin wegen des Todes ihrer Schweſter ge⸗ tragen hatte. Sentius, der Nachfolger des Piſo in der Statthalterſchaft Syriens, ließ eine gewiſſe Martina, die im Rufe der Giftmiſcherei ſtand und zu Plancina Beziehungen hatte, ergreifen und ſchickte ſie nach Rom. Die Perſon ſtarb in Brunduſium eines plötzlichen To⸗ des; man fand Gift in ihrem Haare verſteckt; der Leichnam trug aber keinerlei äußere Spur der Vergiftung an ſich. Während der Krankheit hatte Piſo Leute geſchickt, welche genau auf den Verlauf des Uebels Acht gaben und dem Piſo fortgeſetzten Bericht über die Entwickelung des Leidens machten. Die öffentliche Meinung in Aſien und in der Hauptſtadt verurtheilte den Piſo; bei der Leichenfeier in Antiochia ſprachen einige Redner den Verdacht geradezu öffent⸗ lich von der Tribüne herab aus.
Iſt es thunlich, auf dieſe Verdachtsgründe hin den Piſo des Mordes zu beſchuldigen?
Daß Germanicus ſich ſelbſt vergiftet glaubte, müſſen wir wohl beachten; allein beweis⸗ kräftig iſt der Umſtand nicht. Wichtiger wäre die Notiz ſchon, wenn uns geſagt würde, auf welche äußere Veranlaſſung hin Germanicus ſeinen Verdacht geſchöpft habe. Aber bei der Nacktheit und Zuſammenhangloſigkeit, mit der uns die Sache erzählt wird, ſieht es faſt ſo aus, als ob wir's mit Einflüſterungen der dem Piſo abholden Umgebung des Prinzen zu thun hätten, der in leidenſchaftlicher Heftigkeit, vom Fieber gepeinigt, ſolche Dinge gern auf⸗ griff. Dieſer Verdacht wird noch geſteigert dadurch, daß wir wiſſen, wie die Umgebung des Prinzen dachte und wie ſie jede Gelegenheit benutzte, ihn gegen ſeinen Unterſtatthalter auf⸗


