Aufsatz 
Germanicus und Agrippina, namentlich in ihrem Verhältnis zu Kaiser Tiberius : 2. Teil. Nach dem Tode des Germanicus
Entstehung
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War Piſo der Mann dazu, den mitſchuldigen Kaiſer zu ſchonen, der ihn ſelbſt verſinken ließ?— Dann aber gehört wirklich eine märchengläubige Naivetät dazu, anzunehmen, daß ein Mann wie Tiberius, den Tacitus ſelbſt ſchildert als den durchtriebenſten aller durchtrie⸗ benen Schlauköpfe, dem Piſo ſeine geheimen Aufträge fein ſäuberlich ſchriftlich gebe, womög⸗ lich m. p. und mit beigedrücktem kaiſerlichen Inſiegel. So delicate Aufträge, wie den in Rede ſtehenden, gibt man in alten und neuen Zeiten meiſt mündlich; das halten wohl auch weniger ſchlaue Leute als Tiberius ſo.

Wenn Tiberius die Ermordung ſeines Adoptivſohnes plante, ſo konnte ihn dazu nur die Leidenſchaft eines unwiderſtehlichen Haſſes oder das Gefühl der Furcht treiben. Daß er gegen Germanicus, den Gemahl der Agrippina, im Anfang ſeiner Regierung ein gewiſſes Mißtrauen hegte, wollen wir zugeben, auch daß dieſes Mißtrauen nach der Abberufung aus Germanien nicht ganz geſchwunden iſt. Aber vom Mißtrauen zum Mordplane iſt doch noch ein ganz gewaltiger Schritt, der pſychologiſch um ſo weniger zu begreifen iſt, als Germani⸗ cus ja bei dem Aufſtand der Legionen einen glänzenden Beweis unerſchütterlicher Loyali⸗ tät gegeben hatte, der den Kaiſer beruhigen mußte. Das Auffallendſte aber bei der ganzen Sache wäre der gewaltige Apparat, den Tiberius zur Erreichung des einfachen Zweckes der Ermordung des Germanicus in Scene ſetzt. Im Jahre 17 ſchickt er den Prinzen zugleich mit Piſo nach dem Orient, um ihn im Jahre 19 vergiften zu laſſen. Man ſollte denken, der römiſche Kaiſer könne das einfacher haben, der brauche zur Ermordung eines Prinzen keinen hochadeligen Statthalter zu werben. In derlei Dienſten beſticht man eher eine un⸗ tergeordnete Perſon, etwa einen Kammerdiener, dem man mit Gold den Mund ſtopfen oder den man im Falle der Widerſpenſtigkeit wie einen Wurm zertreten kann.

Von einem Vorwurfe kann man den Kaiſer allerdings nicht reinigen: er hatte mit der Ernennung des Germanicus den Creticus Silanus aus Syrien entfernt, der zu Germa⸗ nicus im Verwandtſchaftsverhältniß ſtand, da Silanus Tochter mit dem älteſten Sohne deſ⸗ ſelben verlobt war, und zu ſeinem Nachfolger den Piſo ernannt. In dieſem Verfahren liegt ohne Frage ein Stachel gegen Germanicus. Stahr meint freilich, die Entfernung des Si⸗ lanus ſei einfach ein Act politiſcher Klugheit geweſen, um das Vertrauen der Provinzialen herzuſtellen, welches Silanus durch die treuloſe Gefangennahme des Königs Vonones ver⸗ ſcherzt habe.(II, 3). Aber der Grund iſt doch nicht wohl ſtichhaltig. Denn war das Ver⸗ trauen der Provinzialen wirklich durch die Handlungsweiſe des Silanus verſcherzt worden, ſo konnte es durch die bloße Entfernung des Miſſethäters nicht wieder gewonnen werden. Man hätte dann auch nothwendig den gefangenen Vonones wieder freigeben müſſen. Aber davon iſt keine Rede: Vonones bleibt nach wie vor gefangen. Keine Frage, Tiberius erachtete es ſeinem Intereſſe nicht für förderlich, die beiden eng verbündeten und befreunde⸗ ten Männer in der Provinz zuſammen walten zu laſſen; er wollte wohl dem ſich überſtür⸗ zenden und haſtigen Weſen des Germanicus in der Perſon des erfahrenen und feſten Piſo ein Gegengewicht geben, um vielleicht namentlich die kriegeriſchen Neigungen des Prinzen im Zaum zu halten. Es wird dem Kaiſer wohl auch nicht unbekannt geweſen ſein, daß er mit jener Ernennung der Agrippina einen ſchlechten Gefallen that. Plancina's wegen. Allein zarte Rückſichten gegen ſeine Schwiegertochter dürfen wir auch nicht von ihm erwarten. Das Ganze ſieht aus wie ein wohlgelungener Schachzug der Kaiſerin gegen die Prinzeſſin; und daß Livia der Plancina gewiſſe Aufträge gegeben habe, die Agrippina zu ärgern und eine Art von Ueberwachung über ſie auszuüben, kann bei den uns bekannten Beziehungen der drei Damen nicht zweifelhaft ſein, ſelbſt wenn wir nicht den ausdrücklichen Bericht des Tacitus hätten. ⁶) Daß Streit zwiſchen dem prinzlichen und ſtatthalterlichen Paare entſtand, iſt ſo

4 ³) II, 43.... Plancinam haud dubii Augusta monuit aemulatione muliebri Agrippinam insectandi,

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