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beginnen. Dem Piſo war das jedenfalls am liebſten; denn er kannte die ſchon oft bewährte Unparteilichkeit des Tiberius und hatte genügenden Grund, die leidenſchaftliche Voreingenom⸗ menheit von Senat und Volk zu fürchten. So übernahm denn der Kaiſer die Unterſuchung. Nach Anhörung der Referate von Seiten der Ankläger und der Beſchuldigten wieß er indeß die Sache an den Senat zurück, da er einſah, wie ſchwierig ſeine Stellung werden würde und wie ſehr er ſich vor den Verdächtigungen ſeiner zahlreichen Gegner hüten müſſe.
Piſo bemühte ſich jetzt, einen Vertheidiger zu finden; er machte hierbei ſehr bittere Er⸗ fahrungen. Fünf Männer, ⁵) die er für ſeine beſten Freunde gehalten hatte, ſchlugen ihm die Bitte unter verſchiedenen Vorwänden ab. Die Leute trauten der Sache nicht; es war eben die alte Geſchichte von den Ratten, die das ſinkende Schiff verlaſſen. Endlich fanden ſich noch drei charaktervolle, muthige Männer, die unbeirrt von dem Geſchrei des Pöbels und den Vorurtheilen der ſenatoriſchen Richter den von allen ſeinen Freunden ver⸗ laſſenen Manne zu vertheidigen unternahmen; die Ehrenmänner hießen M. Lepidus, Lucius Piſo und Livinejus Regulus. Aller Augen waren jetzt auf den Kaiſer gerichtet. Wie wird er ſich verhalten, fragte man, einem Manne gegenüber, auf dem der Verdacht der Ermor⸗ dung des kaiſerlichen Prinzen laſtet, der dem Herrſcher fünfundvierzig Jahre lang treue Dienſte geleiſtet hat, der den Aufruhr in eine friedliche Provinz getragen hat, der Anſpruch hat auf den Namen eines Freundes des Kaiſers?— Tiberius war ſich beſſer als irgend
Jemand ſeiner mißlichen Lage bewußt. Er wußte, daß ſein Verhalten nach zwei Seiten hin der Mißdeutung ausgeſetzt ſein werde, er wußte, daß ſeine Feinde ſogar den Schein einer Hinneigung zu dieſer oder jener Partei zu Verleumdungen benutzen würden. Deshalb hält er in der über die vorliegende Proceßſache anberaumten Senatsſitzung eine Rede„voll berechneter Abgemeſſenheit“,²) wie Tacitus meint. Allerdings eine Rede voll berechneter Abgemeſſenheit. Dazu hatte Tiberius, wie wir geſehen haben, alle Urſache. Aber auch eine Rede, die an Unparteilichkeit das Menſchenmögliche leiſtet und wie alle authentiſchen Aeuße⸗ rungen des Kaiſers wohl geeignet iſt, uns mit Hochachtung zu erfüllen für den viel verleum⸗ deten und viel geſchmähten Mann. Wir glauben, den Kaiſer im Allgemeinen und ſein Ver⸗ halten in dem uns beſchäftigenden Proceſſe im Beſonderen nicht beſſer charakteriſiren zu kön⸗ nen, als durch wörtliche Anführung jener Rede. Der Kaiſer ſagt:)
„Piſo ſei der Legat und Freund ſeines Vaters geweſen und dem Germanicus ſei er zum Gehülfen für die Ordnung der Verhältniſſe im Orient von ihm ſelbſt auf Vorſchlag des Senats beigegeben worden. Ob er dort durch Unbotmäßigkeit und Eiferſüchteleien den jungen Prinzen erbittert und ſich über ſein Dahinſcheiden gefreut, oder ob er ihn gar fre⸗ ventlich umgebracht habe, darüber ſei jetzt mit Unparteilichkeit zu entſcheiden. Denn wenn er als Legat die Schranken ſeiner Pflichtſtellung, den Gehorſam gegen ſeinen Imperator überſchritten, und wenn er über deſſelben Tod und meine Trauer Freude bezeugt hat, ſo werde ich ihn haſſen und von meinem Hauſe ſcheiden, und ſo die Urſachen zu perſönlicher Feindſchaft nicht mit meiner Gewalt als Staatsoberhaupt rächen. Wird jedoch eine Frevel⸗ that aufgedeckt, die, wenn es ſich um jedes beliebigen andern Menſchen Tödtung handelt, beſtraft werden muß,— nun denn, ſo ſchafft Ihr eurerſeits den Kindern des Germanicus und uns, ſeinen Eltern, die gebührende Genugthuung. Daneben zieht auch die Frage in Erwägung, ob Piſo bei der Behandlung der Truppen wühleriſche und zum Aufſtand reizende Abſichten gehabt hat, ob er darauf ausgegangen iſt, mit unerlaubten Mitteln ſich die Partei⸗ nahme der Soldaten zu verſchaffen, ob er mit Waffengewalt ſich wieder in den Beſitz der
⁵) Die klugen Leute waren Lucius Arruntius, Publius Vinicius, Arſinius Gallus, Aeſerninus Marcellus und Sextus Pompejus. 4
³)„meditato temperamento.“ Tac.
⁷) Tac. Ann. III, 12.


