Aufsatz 
Germanicus und Agrippina, namentlich in ihrem Verhältnis zu Kaiser Tiberius : 2. Teil. Nach dem Tode des Germanicus
Entstehung
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Tacitus findet das Benehmen des ſonſt ſo offenen und ſo wenig lebensklugen Prinzen unbegreiflich und glaubt annehmen zu dürfen, Druſus ſei von ſeinem Vater inſtruirt gewe⸗ ſen. Ob das überhaupt möglich war, bleibt in hohem Grade zweifelhaft; denn es iſt kaum anzunehmen, daß Tiberius von dem Beſuch des Piſo bei ſeinem Sohne Wiſſenſchaft hatte. Daß das Verhalten des Prinzen ganz natürlich und den Umſtänden angemeſſen war, iſt be⸗ reits von anderer Seite) ſo genügend nachgewieſen worden, daß wir uns einer nochmali⸗ gen Erörterung füglich enthalten können. 5

Von Illyrien ſegelte Piſo über das adriatiſche Meer nach Ancona, um von hier aus ſeinen Weg nach Rom zu Lande fortzuſetzen. Jeder ſeiner Schritte wird von aufmerkſamen Spähern belauſcht, und ſogar reine Zufälligkeiten werden ihm zum Vorwurf, zum Verbre⸗ chen gemacht. Auf der via Flaminia holt er eine aus Pannonien kommende und nach Rom marſchirende Legion ein. Sofort heißt es, er habe ſich den Soldaten häufig gezeigt, jedenfalls in der Abſicht, die Legionare zur Meuterei zu verführen, um ſich ihrer für ſeine ſtaatsgefährlichen Zwecke zu bedienen. Das Gerücht nimmt raſch eine ſolche Ausdehnung an, daß es auch dem Verdächtigten zu Ohren lommt, der im Intereſſe ſeiner eigenen Sicher⸗ heit von der Heerſtraße abbiegt, um zu Schiff auf dem Nar und der Tiber nach Rom zu gelangen. Hier wird ihm bei ſeiner Landung Alles ſchlimm ausgelegt, Alles zum Vorwurf gemacht. Man hält es für frechen Trotz, daß er in der Nähe von Germanicus Grabſtätte landet, man macht es ihm zum Vorwurf, daß er ſowie Plancina eine fröhliche Miene zeigt, daß ſein Palaſt feſtlich geſchmückt iſt, daß er die glückliche Rückkehr durch ein fröhliches Ge⸗ lage feiert. Alle dieſe Umſtände geben dem Pöbelklatſch willkommene Nahrung. Es iſt eben hier für Pifo kein Entkommen. Benimmt er ſich unbefangen, iſt er heiter und ver⸗ gnügt, ſo erklärt das voreingenommene Volk ſein Benehmen für frechen Trotz, wäre er trau⸗ rig und ſtill mit niedergeſchlagener Miene gelandet, ſo hätte der Pöbel darin ſicherich einen Beweis ſeines Schuldbewußtſeins gefunden; es iſt eben Pöbelklatſch, der für den Geſchicht⸗ ſchreiber keinen Werth haben kann.

Schon am nächſten Tage nach der Rückkunft⸗ beginnt die Partei der Agrippina mit der gerichtlichen Anklage; das ganze Treiben dieſer Leute iſt ſo gehäſſig, ſo leidenſchaftlich heftig, ſo rückſichtslos, ja ſogar ſo unanſtändig, wie nur irgend möglich. Schon in Syrien hatten Sentius und die übrigen Freunde des Germanictus oder Feind des Piſo Sorge ge⸗ tragen, Beweismittel für die auf Giftmord zu ſtellende Anklage zu beſchaffen; dabei war man gegen Geſetz und Recht eifrigſt befliſſen geweſen, noch ehe irgend einer Behörde Anzeige gemacht worden war, die Verdächtigungen gegen Piſo möglichſt zu verbreiten, ihnen möglich⸗ ſten Glauben bei den Provinzialen zu verſchaffen. Sentius hatte eine im Verdacht der Giftmiſcherei ſtehende Perſon, eine gewiſſe Martina, die für eine Vertraute Plancina's galt, ergreifen laſſen und nach Rom geſchickt. Dieſe Perſon war auf der Reiſe in Brunduſium eines plötzlichen Todes geſtorben, ein Umſtand, aus dem die Ankläger möglichſt Capital zu ſchlagen ſuchten zur Fälſchung der öffentlichen Meinung. Ein berüchtigter Ankläger, Fulci⸗ nius Trio, forderte von den Conſuln die Ermächtigung zur Stellung der Anklage gegen Piſo. Allein die Freunde des Germanicus, Serväus, Veranius und Vitellius ließen ſich die Befriedigung ihrer Rachegelüſte nicht nehmen und proteſtirten energiſch gegen Trio's Anmaſ⸗ fung. So ließ Trio ſeinen Plan fallen und beſchränkte ſich darauf, das frühere Leben des Piſo anzuklagen, wozu er auch, da die Sache für beide Parteien ziemlich gleichgültig war, die Erlaubniß von der Behörde erhielt. Darauf bat man den Kaiſer, die Unterſuchung zu

) Sievers, II, 10. Was konnte damals Druſus dem Piſo gegenüber anderes ſagen, wenn er nicht aller Ueberlegung entbehrte? Die Sache war nicht unterſucht, nicht entſchieden. Sollte Druſus ihm Vor⸗ würfe machen über die angebliche Vergiftung oder ſeine Freude darüber äußern?