— 17—
gegen Piſo und Plancina zu richtenden Anklage auf Giftmord. Die Erbitterung des Volkes iſt leicht begreiflich. Der geliebte Prinz das Opfer feiger Mörder, das war ein Gedanke, der das öffentliche Rechtsbewußtſein zur ſchleunigen Rache und zur Beruhigung der Manen des Gemordeten antreiben mußte. Dazu Piſo und Plancina wegen ihres ſtolzen, hochfahren⸗ den Weſens ſo ſchon verhaßt, Agrippina und ihre Kinder vom Volke vergöttert, zwei Mo⸗ mente, die die parteiliche Leidenſchaftlichkeit des urtheilsloſen Pöbels nur noch zu erhöhen und die an ſich ſchon ungünſtige Lage Piſos noch zu verſchlimmern geeignet waren. Daß die heftige Aufregung der Hauptſtadt eine ganz natürliche geweſen ſei, iſt kaum glaublich; wir erkennen unſchwer die aufreizende, provocirende Agitatation der Partei Agrippina's. Piſo wußte wohl, wie man in Rom auf ihn zu ſprechen war. Er war deshalb ſo klug, ſeine Rücktunſt zu verzögern; denn es war gar nicht unmöglich, daß der Pöbel ſeine Ankunft in Rom zur Ausübung einer raſchen Volksjuſtiz benutzen mochte. ¹) Auch ſonſt waren ſeine Ausſichten nicht die günſtigſten. Wenn er ſich auch vor der Anklage auf Giftmord nicht glaubte ſcheuen zu müſſen, ſo hatte er ſich doch noch wegen eines anderen Umſtandes zu verantworten, wegen des bewaffneten Aufruhrs in der Provinz. Piſo hatte lange genug im römiſchen Staatsdienſte geſtanden, um die unerbittliche Strenge des Kaiſers bei ſolchen Vorfällen genügend zu kennen und zu fürchten; es mußte ihm deshalb weſentlich daran ge⸗ legen ſein, bei dieſem Hauptanklagepunkt, für den eine Freiſprechung kaum zu erwarten ſtand, den Kaiſer ſich einigermaßen günſtig zu ſtimmen, um vielleicht ſpäter auf dem Gnadenweg eine Milderung des unzweifelhaft ſtrengen Richterſpruchs zu erlangen. Deshalb ſandte er ſeinen Sohn M. Piſo, denſelben, der ihm ſo ſehr vom Aufſtand abgerathen hatte nach Rom mit Aufträgen zur Begütigung des Kaiſers. Tiberius empfing den jungen Mann ſehr wohl⸗ wollend und zeichnete ihn mit den bei jungen Adeligen üblichen Gnadengeſchenken aus. Ta⸗ citus benutzt auch dieſe Gelegenheit, um den Kaiſer zu tadeln.„Er wollte ſeine Unparteilich⸗-— keit vor der Welt ſehen laſſen,“ ²) behauptet der allwiſſende Hiſtoriker, der kein Wort der Anerkennung für das ſtaatskluge und zugleich humane Verhalten des Kaiſers findet. Ueber⸗ haupt macht die ganze Schilderung des Proceſſes den Eindruck einer Parteiſchrift.— Das zeigt folgender weitere Vorfall. Piſo ſelbſt hatte ſich, während ſein Sohn nach Rom reiſte, nach Illyrien zu Druſus begeben, um ſich für den Fall der Noth die mächtige Fürſprache des kaiſerlichen Thronfolgers zu ſichern. Tacitus, der auch die Gedanken Piſo's genau kennt, behauptet, der Proconſul habe den Druſus voll froher Hoffnung und gegen ihn ſelbſt wohlwol⸗ lend geſtimmt zu finden erwartet, da der Prinz ja durch den Tod des Germanicus von einem Nebenbuhler in der Thronfolge befreit worden ſei. Tacitus vergißt hier ſeine eigenen früheren Berichte. Er ſelbſt erzählt uns, daß die beiden Brüder völlig einträchtig in herzlicher Liebe mit einan⸗ der gelebt haben, von den Eiferſüchteleien ihrer Umgebung ganz unberührt. ²) Und dieſes Verhältniß konnte doch dem Piſo unmöglich unbekannt ſein! Druſus empfing den Piſo al⸗ lerdings mit berechneter Zurückhaltung; allein das war auch das einzig richtige Verhalten einem Manne gegenüber, auf dem ſo ſchwere Verdächtigungen laſteten. Der Prinz ſagte dem Proconſul, daß allerdings auch zu ihm das Gerücht von der Ermordung des Germa⸗ nicus gedrungen ſei; ſofern dieſe Dinge auf Wahrheit beruhten, ſo werde er jedenfalls ſelbſt am ſchmerzlichſten davon getroffen; allein er hoffe, daß der Tod ſeines Bruders Nieman⸗ den verderblich werden möge. Im Uebrigen vermied er es auf's ängſtlichſte, mit Piſo al⸗ lein zuſammenzutreffen, ſo daß dieſer endlich von der Unfruchtbarkeit ſeiner Bemühungen überzeugt ſich zur Abreiſe entſchloß.
¹) Wir erinnern an die Vorſtellungen des Domitius Celer II, 77. 2) III, 8...„quo integrum judicium ostentaret.“... 8) Ann, II, 43.


