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Staate, keine Hoffnung ſei mehr übrig.“ ⁶) Der undankbare Pöbel vergaß, mit wie väter⸗ licher Fürſorge der Kaiſer ſtets für das Wohl des Staates geſorgt hatte und wie wenig eigentlich der verſtorbene Germanicus geleiſtet, wenn man die Thaten des alten, ruhmbedeck⸗. ten Kaiſers mit denen des jugendlichen Prinzen verglich.— Agrippina wurde, wo ſie ſich öffentlich zeigte, mit begeiſterten Zurufen empfangen.„Sie ſei die Zierde des Vaterlandes, das allein ächte Blut des Auguſtus, das einzige Muſterbild altrömiſcher Art,“*) lauter Ovationen, deren demonſtrative Kehrſeite den Kaiſer tief verwunden mußte. Als offenbare Beleidigung und Verleumdung des Tiberius aber müſſen jene flehentlichen Gebete zu den Göttern bezeichnet werden,„daß die Kinder der Agrippina erhalten bleiben und ihre Wider⸗ ſacher überleben möchten!“— Tiber hat bis jetzt die Familie des Germanicus nur mit Ehrenauszeichnungen überhäuft, und ſein ferneres Benehmen gegen die hinterlaſſenen Waiſen ſeines Sohnes muß auch den leiſeſten Tadel verſtummen machen.
Vier Monate hatte bereits die öffentliche Trauer um den geſtorbenen Prinzen gedauert, und die Störung jeder öffentlichen Thätigkeit wurde nachgerade ſehr empfindlich. Alle Ge⸗ ſchäfte ſtockten, alle Kaufläden blieben geſchloſſen, alle Gerichte ſtellten ihre Amtswaltung ein, kurz, es war eine Unordnung in den öffentlichen Verhältniſſen eingeriſſen, die den Kai⸗ ſer im Intereſſe des Staatswohles zu Gegenmaßregeln nöthigte. So erließ er denn eine Aufforderung zur Einſtellung der langen Trauer in einem Edict, das der großartigſten Ge⸗ danken voll iſt. Da wir in dem Erlaſſe jedenfalls ein authentiſches Actenſtück haben, ſo dürfte die wörtliche Anführung von Intereſſe ſein. ⁵*) Tiber ſchreibt:„Viele erlauchte Römer „hätten im Dienſte des Staates den Tod gefunden, aber noch Keiner ſei mit ſo heißer Sehn⸗ „ſucht betrauert worden; und das ſei auch ſowohl für ihn ſelbſt als für Alle insgeſammt „vom höchſten Werthe, wenn nur auch Maaß dabei gehalten werde. Denn nicht ein⸗ und „daſſelbe ſchicke ſich für Männer höchſter Stellung und für das weltbeherrſchende Volk, was „ſich für Familien und Bürgerſchaften von mäßigen Verhältniſſen ſchicke. Bei dem noch „friſchen Schmerze ſei die Trauer und das Streben, ſich durch das Trauern ſelbſt Troſt zu „gewähren, angemeſſen geweſen; allein jetzt ſei es Zeit, ſich endlich zu geiſtiger Gefaßtheit „zurückzuwenden, wie einſt der hochſelige Julius nach Verluſt der einzigen Tochter, wie der „hochſelige Auguſtus, nachdem ihm der Tod ſeine Enkel entriſſen, mit Gewalt die Traurig⸗ „keit von ſich geworfen hätten. Es ſei nicht nöthig, ältere Beiſpiele dafür anzuführen: wie „oft das römiſche Volk die Niederlagen ſeiner Heere, den Tod der Heerführer, die Vernich⸗ „tung ganzer edler Familien mit Foſſung ertragen habe. Die Fürſten ſeien ſterblich, „der Staat ewig. So möge man denn wieder zu den gewohnten Lebensthätigkeiten zu⸗ „rückkehren und auch,(es war nämlich das Feſt der Megaleſien nahe) die Genüſſe des „Lebens wieder aufnehmen.“
So kehrte man nach und nach wieder zu den Geſchäften zurück.
Der Piſoniſche Proceß.
Wenn auch äußerlich der gewohnte Gang der Geſchäfte wieder begonnen hatte, ſo blieb doch ganz Rom noch in Aufregung wegen des jetzt zu erwartenden Scandalproceſſes, der
⁴) III, 4.. concidisse rem publicam, nihil spei reliquum clamitabant,...
*) ibid. Nihil tamen Tiberium magis penetravit, quam studia hominum accensa in Agrippi- nam, cum decus patriae, solum Augusti sanguinem, unicum antiquitatis sperimen appellarent ver- sique ad coelum ac deos integram illi subolem ac superstitem iniquorum precarentur.
8) Ann. III, 6.


