Aufsatz 
Germanicus und Agrippina, namentlich in ihrem Verhältnis zu Kaiser Tiberius : 2. Teil. Nach dem Tode des Germanicus
Entstehung
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Claudius bis Terracina entgegen, begleitet von den in der Hauptſtadt zurückgebli benen Kin⸗ dern der Agrippina Nero, Druſus, Agrippina und Druſilla. Ferner kamen die neuen Con⸗ ſuln, der ganze Senat, die hohe Ariſtokratie und ein großer Theil der Bürgerſchaft. Ein impoſanter Zug brachte die Reſte des Prinzen in die trauererfüllte Hauptſtadt.

Die Schilderung der in Rom zu Ehren des Germanicus veranſtalteten Trauerfeierlichkeiten gibt dem Tacitus Gelegenheit, das Verhalten des Kaiſers zu bemäkeln und ihm G danken unterzuſchieben, die, wofern ſie auf Wahrheit beruhten, den Tiberius in ſehr ungünſtigem Lichte erſcheinen laſſen würden. Ohne alle Begründung ſtellt er die Behauptung auf,Je⸗ dermann habe wohl gewußt, daß der Kaiſer ſeine Freude über den Tod des Germanicus nur ſchlecht verhehle ³) und gewiſſermaßen als Erklärung dieſer Behauptung führt er die Thatſache an, daß ſich Tiberius ſowohl als Livia des öffentlichen Erſcheinens bei den officiel⸗ len Trauerfeierlichkeiten vollſtändig enthielten. Hierfür ſchiebt er dem Kaiſer zwei Beweggründe unter; einmal ſei es möglich, daß er eine öffentliche Kundgebung ſeines Schmerzes für un⸗ vereinbar mit der Würde der Majeſtät gehalten habe; dann ſei es auch möglich, daß er ge⸗ fürchtet habe, er möge durch ein öffentliches Erſcheinen den Blicken der Theilnehmenden ver⸗ rathen, daß ſein Schmerz nur erheuchelt ſei. Es entgeht dem Hiſtoriker in ſeinem Eifer, daß er, der den Kaiſer früher ſchon oft als vollendeten Meiſter in der Verſtellungskunſt be⸗ zeichnet hat, ihn durch ſeine Inſinuation als einen wahren Stümper erſcheinen läßt. Auch kann er ſich nicht recht erklären, warum des Germanicus Mutter Antonia ebenfalls bei den Trauerfeierlichkeiten gefehlt hat. Man könne wohl vermuthen, ihr Geſundheitszuſtand habe ſie am öffentlichen Erſcheinen gehindert, ſie habe die Gemüthsaufregung, die unfehlbar mit einer perſönlichen Betheiligung an den Trauerfeierlichkeiten verbunden geweſen wäre, vermei⸗ den wollen. Allein dieſe natürliche Erklärungsweiſe des einigermaßen auffallenden Factums genügt dem Geſchichtſchreiber nicht; er iſt geneigter, anzunehmen, Antonia ſei von Tiber und Livia zurückgehalten worden,*) um unter dem Volke die Meinung zu verbreiten, als ſeien alle Glieder des Kaiſerhauſes von gleicher Trauer über den ſchmerzlichen Verluſt erfüllt. Bei einer derartigen Interpretation ſeiner Handlungen iſt für den Kaiſer kein Entkommen. Wir werden gut thun, auf all' den hauptſtädtiſchen Pöbelklatſch, der ſich diesmal ſo ſehr breit machte, kein Gewicht zu legen und uns nur an die Thatſachen zu halten. Denn was wird von dem ſchauluſtigen Pöbel nicht Alles hämiſch bekrittelt und bemäkelt, was wird bei den Trauerfeierlichkeiten nicht Alles vermißt! Da findet man es tadelnswerth, daß der Bru⸗ der Druſus der Leiche nur eine Tagereiſe weit entgegengegangen iſt, daß der Kaiſer ſelbſt nicht einmal an den Thoren die Reſte ſeines Sohnes empfangen hat. Da vermißt man die Aufſtellung eines Portraitbildes vor dem Paradebett, man vermißt die üblichen Trauerge⸗ dichte, man vermißt die Lobredner unddie Thränen oder wenigſtens die künſtliche Dar⸗ ſtellung des Schmerzes!!! ³) Das iſt der reine unverfälſchte Klatſch, wie man ihn heutzu⸗ tage unter ähnlichen Verhältniſſen genau ebenſo zu hören bekommt. Die Geſchichte hat nichts damit zu ſchaffen.

Die allgemeine Staatstrauer war, wie das bei den heißblütigen Südländern nicht zu verwundern iſt, leidenſchaftlich heftig und zugleich ungebührlich lang. Auch macht die ganze Schilderung den Eindruck, als ob die Hand Agrippinas im Spiel geweſen ſei bei jenen un⸗ ſinnigen Demonſtrationen, die Tacitus mit ſo großem Behagen erzählt und die den Tiberius nothwendig tief verwunden mußten. Da hörte man Rufe:es ſei aus mit dem römiſchen

³) Ann. III, 2... aberat quippe adulatio, gnaris omnibus laetam Tiberio Germanici mor- tem male dissimulari.

4) Ann. III, 3.

) Ipsissima verba. III, 5....et lacrimas vel doloris imitamenta.