Aufsatz 
Germanicus und Agrippina, namentlich in ihrem Verhältnis zu Kaiser Tiberius : 2. Teil. Nach dem Tode des Germanicus
Entstehung
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Germanicus und Agrippina, namentlich in ihrem Verhältniß zu Kaiſer Tiberius.

... maxima quaeque ambigua sunt, dum alii quoquo modo audita pro conpertis habent, alii vera in contrarium vertunt, et gliscit utrumque posteritate.

Tacit. Ann. III, 19.

Zweiter Theil.

Nach dem Tode des Germanieus. Agrippina in Rom.

Als die Nachricht vom Tode des Germanicus in Rom eintraf, da wurden noch vor der offi⸗ ciellen Bekanntmachung alle Geſchäfte ſiſtiert, die Fora blieben menſchenleer, die Häuſer der Ariſtokratie wurden geſchloſſen.Ueberall tiefe Stille und Seufzen und Nichts nur zum Scheine geheuchelt; und obwohl man ſich der äußeren Zeichen von Trauernden nicht ent⸗ hielt, ſo war doch die innere Trauer noch tiefer. ¹) Einmal brachten Kaufleute, die aus Syrien kamen, die Nachricht, Germanicus lebe noch. Das leidenſchaftlich erregte Volk glaubt dem Gerücht, und war vorher die Trauer maßlos geweſen, ſo war jetzt die Freude und der Jubel noch maßloſer. Wie ein Lauffeuer verbreitete ſich in der coloſſalen Stadt das Ge⸗ rücht, daß der Liebling des Volkes noch lebe und bringt Alt und Jung, Vornehm und Ge⸗ ring auf die Beine. Man rennt durch die Stadt, man ſtürmt die Tempelthüren, man gibt ſich einer Freude hin, einem Jubel, der an Wahnſinn grenzt. Tiberius war klug genug, dem tollen Freudenrauſch nicht entgegenzutreten; er ließ das Volk ruhig gehen, weil er wohl wußte, daß ein Einſchreiten ihm die ſchlimmſte Auslegung und den ſchärfſten Tadel bringen werde. Endlich traf eine weitere Nachricht ein, die an der Wahrheit der Todesbotſchaft keinen Zweifel mehr aufkommen ließ. Das eben noch ſo aus⸗ gelaſſen jubelnde Volk war jetzt förmlich zerknirſcht vor Schmerz, und als man ſich kaum wieder etwas erholt von dem raſchen, betäubenden Wechſel der heftigſten Gefühle, da wandte man ſein ganzes Denken darauf, Mittel zu finden, wie man die Trauerfeierlichkeiten recht

¹) Ann. II, 82.... passim silentia et gemitus; nihil compositum in ostentationem; et dQuamquam neque insignibus lugentium abstinerent, altius animis maerebant.