Aufsatz 
Beitrag zur Würdigung des Atheniensers Kleon
Entstehung
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Thore hervor, während ſein Mitfeldherr Klearidas von einer anderen Seite anſtürmt. Das athe⸗ niſche Heer, beſtürzt über dieſen doppelten Angriff, geräth in Verwirrung und flieht auf ver⸗ ſchiedenen Wegen über die Berge nach Eion. Kleon hatte alle Faſſung verloren; die Truppen waren ohne Befehl und Ordnung und als ſie in völliger Auflöſung in Eion ankamen, fehlten 600 Mann, während die Spartaner nur ſieben Leute verloren. Der Führer ſelbſt hatte ſich zur Flucht gewandt, wurde aber von einem myrkiniſchen Soldaten eingeholt und erſchlagen; auch Braſidas war verwundet und ſtarb bald nach ſeiner ruhmvollen That in Amphipolis.

Verſetzen wir uns in die Zeit des Ablaufs des Wafefenſtillſtandes. Der Muth der Athener war wieder gehoben, Mende war zurückerobert, Skione im Blokadezuſtand, Perdikkas hatte ſich mit Braſidas entzweit, war auf atheniſche Seite getreten und hatte dem ſpartaniſchen Feldherrn die zur Hülfe geſchickten Truppen abgeſchnitten und ferneren Zuzug unmöglich gemacht. Wenn Kleon unter dieſen Verhältniſſen energiſch auf Fortſetzung des Krieges drang und Frieden nur nach Rückeroberung des Kleinods des atheniſchen Reiches, Amphipolis, für möglich hielt, ſo handelte er politiſch klug, indem er den Perikleiſchen Grundſatz, die Seeherrſchaft ungeſchwächt zu behaupten, verfolgte. Betrachten wir ihn aber als Feldherr gegen Amphipolis, ſo finden wir, daß er erſtens ſeinen Truppen gegenüber keine Auktorität beſaß, daß er ſich bei ſeinen Operationen kurz⸗ ſichtig und unfähig zeigte, dann, daß er, als es darauf ankam, die überraſchte Schaar zu ordnen und ſeine Führerpflicht zu erfüllen, ehrlos ſeinen Poſten verläßt und feige flieht.

Das Letzte, was uns Thukydides über Kleon mittheilt*), iſt Folgendes:Kleon und Braſidas waren auf beiden Seiten Feinde des Friedens, der Eine, weil er durch das Kriegführen Glück und Ehre erlangte, der Andere, weil er glaubte, wenn Frieden geſchloſſen wäre, würde ſeine Bosheit offenbarer und ſeine Verleumdungen weniger geglaubt werden.

In der That war die ganze Natur des Demagogen, ſeine polternde Art zu ſprechen, ſein heftiges, leidenſchaftliches Temperament, ſeine Neigung zum Verleumden und Anklagen für aufge⸗ regte Zeiten geſchaffen, und wird obiges Urtheil nicht nur das des Geſchichtsſchreibers, ſondern auch ſeiner ganzen Partei geweſen ſein.

Wenn wir am Schluß das Dargelegte zuſammenfaſſen, ſo werden wir erklären müſſen, daß Kleon ein ungebildeter, leidenſchaftlicher, zum Verleumden und Anklagen geneigter Menſch ge⸗ weſen iſt, bei dem aber der Umſtand, daß er homo novus war, manches entſchuldigt. Dann können wir ihm aber auch außerordentliche Beredſamkeit, praktiſche Einſicht und Patriotismus nicht abſprechen, und wird er wohl von den zu ſeiner Zeit lebenden Staatsmännern nach dem Tode des Perikles der Erſte geweſen ſein. Erwägen wir das große Vertrauen, welches das geiſtreiche und regſame Volk auf ihn ſetzte, bedenken wir, daß es ihm möglich war, ſich trotz der heftigſten Anfeindungen, eine Reihe von Jahren an der Spitze jenes zu behaupten, ſo kommen wir zu der Ueberzeugung, daß er es einmal mit dem Demos wohl meinte und dann, daß er politiſchen Ver⸗ ſtand beſaß.

¹) Thuk. V, 16.