Ein Beitrag zur Methode des geographiſchen Anterrichtes,
mit einem Vorworte zur Verſtändigung über die Aufgabe desſelben im Allgemeinen und an Handelsſchulen insbeſondere.
Der realiſtiſche Zug unſerer Zeit, die Vorliebe und Energie, womit ſie ſich dem Studium der Naturwiſſenſchaft zuwendet, zeigt ſich namentlich auch in dem allgemeinen und vertiefteren Intereſſe für Bereicherung des geographiſchen Wiſſens. Zwar lockte den Menſchen ſchon vor Marco Polo's Zeiten„die Neugier mit heftigen Reizen“ zu fragen und zu erfahren,„wie ſchön ſich die weltlichen Dinge gegen einander verhalten“, und auch das Nützliche ſucht unſer Geſchlecht ſchon lange mit unermüdlichem Fleiße; aber noch nicht ſo gar lange iſt es her, daß die Menſchen, nicht Einzelne, anfingen, ihren uranfänglichen Beruf,„die Erde ſich unterthan zu machen“, tiefer zu erfaſſen, d. h. die unklaren, die Wahrheit höchſtens ahnenden Vorſtellungen von den Kräften und Geſetzen der Natur zur klaren Erkenntniß zu erheben und dadurch mit den Waffen des Geiſtes von der Erde Beſitz zu ergreifen. Es ſcheint, als ob unſerem Jahrhundert die Aufgabe geſtellt ſei, vor allem nach dieſer Seite hin die Entwicklung der Menſchheit zu fördern. Wenigſtens iſt es Thatſache, daß die Pflege der Naturwiſſenſchaften nicht etwa blos durch die Gunſt einer banauſiſch denkenden Menge, ſondern auf Grund einer unter den wirklich Gebildeten ſichtlich immer weiter ſich verbreitenden Ueberzeugung als ein unabweisbares Bedürfniß anerkannt wird. Wie ſehr dieſes Bildungsideal der Zeit auch unſer Schulweſen beeinflußt, beweiſt die zwar langſam, aber deſto ſicherer fortſchreitende Reform des Volksſchulweſens, die Neufundamentirung der lange Zeit durch allerlei Controverſen und durch unruhiges Experimentiren immer wieder in’s Schwanken gerathenen Realanſtalten, vor allen Dingen aber der ſiegesgewiſſe Muth, womit die Naturwiſſen⸗ ſchaften ſogar an den Pforten der ihnen bis daher vornehm verſchloſſenen Gymnaſien anklopfen, offenbar nicht mehr damit zufrieden, wenn man ihnen, um dem ungeſtümen Drängeln Rechnung zu tragen, verſchämt und wider Willen ein Seitenpförtchen zu öffnen ſich herbeiläßt. Wie dieſer Widerſtreit der Meinungen ſich löſen wird, ſcheint kaum zweifelhaft zu ſein; wenigſtens rathen unverdächtige Freunde humaniſtiſcher Studien den Gymnaſien wohlmeinend, bei Zeiten zu capi⸗ tuliren, damit nicht„die Strömungen der Gedankenarbeit der neueren Zeit ſich feindlich gegen die Gymnaſien wenden und vieles Gute und Erhaltungswerthe mit fortſchwemmen.“ ¹)
¹) Vgl. die Vorreden zu dem trefflichen Lehrbuche der Geographie von Dr. H. Guthe. 2. Aufl. 1872.— Außer vielem Andern empfehlen wir den für ſolche Fragen ſich Intereſſirenden die Abhandlung des Directors unſerer Anſtalten:„Ueber Realismus und Realſchulen“(Heft 141 der Sammlung wiſſenſchaftlicher Vorträge, Berlin 1872). Reich an Gedanken iſt auch die dem Programm des Realgymnaſiums in Stuttgart beigegebene Abhandlung des Rektors Dillmann:„Die Idee der Realgymnaſien und ihre Verwirklichung in dem Stuttgarter Realgymnaſium 1872“.


