Aufsatz 
Beitrag zur Würdigung des Atheniensers Kleon
Entstehung
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er führt die Darſtellung des Thukydides, die ihm einſeitig erſcheint, auf den Umſtand zurück, daß ſie aus einer fieberhaften, wildverworrenen Zeit heftigſten Parteihaſſes, in der kein nennens⸗ werther Name rein, keine That ohne Mißdeutung und Anfeindung bleibe, ſtamme. Grote hält das Urtheil des Thukydides über Kleon für hart und ungerecht;es athmet nicht denſelben Geiſt rechtſchaffener Unparteilichkeit, welcher ſeine Geſchichte im Allgemeinen durchdringt. Er nennt die Beurtheilung des Demagogen bei der Angelegenheit von Pylos unverantwortlich und ſchiebt dem Geſchichtsſchreiber perſönliche Animoſität gegen Kleon unter, wirft ihm in Folge der⸗ ſelben parteiiſche Darſtellung und abſichtliche Entſtellung vor, wozu unſeres Erachtens die maß⸗ volle Beurtheilung des Thukydides nicht im Entfernteſten eine Handhabe bietet.

Die ſonſtigen Quellen, die noch benutzt ſind, um ein Bild von Kleon zu entwerfen, ſind untergeordneter Art, da ſie Thukydides ausgeſchrieben haben. Plutarch, der mehr Anekdoten, als weltgeſchichtliche Ereigniſſe bietet, hat zwar die Quellen fleißig, aber nicht mit der nöthigen Sorg⸗ falt ſtudirt, und da Kritik gerade nicht ſeine ſtarke Seite iſt, ſind ſeine Angaben zum großen Theil hiſtoriſch unbrauchbar, und Diodor, ¹) der ſchon wegen ſeiner chronologiſchen Irrthümer ein ſehr unzuverläſſiger Geſchichtsſchreiber iſt und deshalb nur ſubſidiären Werth haben kann, hat gerade für die von uns zu betrachtende Zeit den Thukydides excerpirt. Wir ſehen uns dem⸗ nach auf Thukydides angewieſen und werden demſelben genau bei unſerer Unterſuchung folgen.

Er führt uns zuerſt Kleon bei dem Abfall von Mytilene ²), den er als einen der intereſſan⸗ teſten und ſpannendſten Vorfälle im ganzen Kriege mit ungewöhnlicher Ausführlichkeit ſchildert, vor. Nachdem die Athener im Winter 4²¹⁄s verſäumt hatten, dem Sitalkes, dem mächtigen Herrſcher des Odryſenreiches rechtzeitig ihre Flotte zu Hülfe gegen Chalkis zu ſchicken, verloren ſie das Bündniß mit dieſem Fürſten, welches von weittragenſter Bedeutung hätte werden können, ein Vorfall, bei dem wir ſchon die Leitung des Perikles fehlen ſehen. Im Sommer 428 traf ſie ein neuer Schlag, während ſie durch die langwierige Belagerung von Potidäa finanziell äußerſt erſchöpft waren und unter den Schreckniſſen der Peſt zu leiden hatten. Die Inſel Lesbos hatte ſich nebſt Chios noch die freie ſelbſtſtändige Bundesgenoſſenſchaft Athens erhalten, abgeſehen da⸗ von, daß ſie im Falle des Krieges auf Verlangen Schiffe und Mannſchaft ſtellen mußte. Die Hauptſtadt Mytilene hatte ihre Mauern behalten, beſaß große Seemacht und ausgedehnte Be⸗ ſitzungen auf dem gegenüberliegenden aſiatiſchen Feſtlande; die Regierung war oligarchiſch. Sie hatte die ganze Macht der Inſel in der ihrigen zu vereinigen gewußt und die Städte, ausge⸗ nommen das Athen treue Methymna, auf ſeine Seite gebracht. Nachdem ſie ſchon vor Beginn des peloponneſiſchen Krieges mit Sparta in heimliche, aber erfolgloſe Verbindung getreten war, hatte ſie ihre Macht vergrößert, die Befeſtigungen erhöht, Söldner gemiethet und gegen Athen gerüſtet. Nachdem ihr Vorhaben bekannt geworden war, belegten die Athener, da eine Geſandt⸗ ſchaft die Mytilenäer vergeblich von ihrer Unternehmung abzubringen geſucht hatte, zehn mytile⸗ näiſche Schiffe, die bei ihrer Flotte waren, mit Beſchlag, ſtellten die Männer unter Bewachung und ſchickten den Klelppides mit 40 Schiffen ab, welcher die Stadt gelegentlich eines Feſtes des Apollo Maloeis überrumpeln ſollte. Wenn dieſer Verſuch mißlänge, ſollte der Feldherr die Aus⸗

¹) Boeckh, Staatshaushaltung der Athener, Berlin 1817, I. p. 100. Anm. 14:Es bedarf keines Beweiſes für die Behauptung, daß Diodor ein erbärmlicher Schriftſteller iſt. ¹) cf. Der Abfall Mytilenes von Athen im peloponneſiſchen Kriege von Herbſt, Köln 1861.