Aufsatz 
Beitrag zur Würdigung des Atheniensers Kleon
Entstehung
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der Frage zu folgendem Reſultat, welches wir vollſtändig unterſchreiben:Für Beurtheilung der einzelnen Charaktere und für Ausmittlung einzelner Thatſachen müſſen wir die alte Komödie für eine im Ganzen unlautere Quelle erklären, welche nur durch Verbindung mit anderen Nach⸗ richten und auch da nicht immer geläutert werden kann. Weit entfernt aber, damit ihr einen Vorwurf zu machen, behaupten wir, daß das in ihrem Weſen als Poeſie liege; wer ihr mehr hiſtoriſche Bedeutung geben wollte, würde ſie in ihrem Werthe als Poeſie herabſetzen.

Nehmen wir nun hinzu, daß Ariſtophanes Anhänger der conſervativ⸗oligarchiſchen Gegen⸗ partei des Kleon war, daß er ſogar perſönlichen Haß gegen dieſen hegte, weil ihn derſelbe zwei⸗ mal wegen ſeiner Spöttereien vor Gericht gefordert hatte, ſo werden wir für unſere ſpecielle Frage Ariſtophanes als Quelle für unſtatthaft erklären müſſen, und iſt damit auch unſer Urtheil über oben erwähnte Auffaſſung des Kleon gegeben. Wundern müſſen wir uns aber, daß gerade für des Demagogen Darſtellung Vielen Ariſtophanes als ſtichhaltige Quelle dient, während man doch bei anderen Männern ſich in ſeinen Sympathieen durch den Dichter nicht beeinfluſſen ließ

Die zweite Hauptquelle über Kleon beſitzen wir in dem politiſchen Geſchichtswerk des durch eminente hiſtoriſche Anlagen begabten Thukydides über den peloponneſiſchen Krieg.

In der lebhaften, klaren und anſchaulichen, gedankenvollen und wortkargen Schilderung, die ſich hauptſächlich um die Kriegsereigniſſe dreht, wird von der Wahrheit nicht abgegangen. Wenn wir nun auch an der im Alterthum und in der Neuzeit allgemein anerkannten Autorität des erſten Geſchichtsſchreibers der Griechen keineswegs mäkeln wollen, ſo glauben wir auch, daß wir uns keinen Verſtoß gegen die Pietät zu Schulden kommen laſſen, wenn wir behaupten, daß es dem Geſchichtsſchreiber, der ſein Werk in einer von der wildeſten Parteileidenſchaft aufgereg⸗ ten Zeit geſchrieben hat, der ſelbſt eine politiſche Stellung einnahm, unmöglich geweſen iſt, auch bei dem beſten Willen, von ſeinem Parteiſtandpunkte aus, ihm entgegenſtehende Perſönlichkeiten vollſtändig richtig aufzufaſſen. Wie können wir von Thuknydides verlangen, daß er Kleon, deſſen politiſcher Gegner er iſt, anders als von ſeinem eigenen und ſeiner Partei Standpunkt beurtheile! Abſichtlich hat er Kleon ſicher nicht in ungünſtigerem Lichte dargeſtellt, als dieſer es verdiente ſeine Anſichten über das Wohl des Staates waren ſicher andere, als die, welche Kleon vertrat und verfocht, und dieſe mußten ihm doch naturgemäß bei der Auffaſſung der atheniſchen Demo⸗ kratie und ihres Führers leitende Geſichtspunkte ſein. Dieſe Auffaſſung kann unſeres Erachtens dem großen Geſchichtsſchreiber,dem ſtrengſten und wahrhaftigſten Sittenrichter(Curtius), keines⸗ wegs als Vorwurf gelten, es wird durch dieſelbe ſein unſterbliches Werk,fua es ae, durch⸗ aus nicht in ſeinem unvergleichlichen Werthe geſchwächt, uns wird aber hierdurch die Möglich⸗ keit gegeben, den Athenienſer Kleon in das rechte Licht zu ſetzen. Die von Thukydides erzähl⸗ ten Thatſachen gelten uns als unumſtößlich wahr, an ihnen darf nicht gedeutet werden, aber in der Beurtheilung derſelben, in der Auffaſſung der mit ihnen in Verbindung ſtehenden Per⸗ ſonen können wir nicht unbedingt und ohne oben ausgeführte Einſchränkung dem Meiſter der Geſchichtsſchreibung folgen.

Droyſen und Grote haben die Glaubwürdigkeit des Thukydides im Allgemeinen bezweifelt. Erſterer glaubt, daß Kleon an der Verbannung des Geſchichtsſchreibers ¹) Schuld trage, aber

¹) Ob Thukydides auf Antrag des Kleon wegen fahrläſſiger Verwaltung ſeines Feldherrnamtes verbannt ſei, iſt noch eine offene Frage. Der Geſchichtsſchreiber ſelbſt läßt uns über dieſen Punkt leider im Dunkel.