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die Ereigniſſe mitzutheilen im Stande waren, beſitzen. Und doch werden wir ſehen, daß wir auf dieſen vermeintlichen Vortheil bei der Darſtellung des Kleon nicht allzuſehr rechnen dürfen.
Die erſte Hauptquelle, aus der über Kleon geſchöpft iſt, bietet ſich uns in den Werken des geiſtreichen Komödiendichters, des Lieblings der Muſen, Ariſtophanes. Wir haben es hier nicht mit dem künſtleriſchen Werth der Komödien deſſelben zu thun, ſondern mit der Bedeutung, die die Angaben für den Hiſtoriker haben. G
Die attiſche Komödie hatte einen politiſchen Charakter; das Geſammtleben des Staates zog ſie in den Bereich ihrer Betrachtung. Da ſie nun aber bei den Zuhörern Heiterkeit und Lachen erregen mußte, ſo hatte ſie die herrſchenden Zuſtände und die dieſe vertretenden, hervorſtrahlenden Perſönlichkeiten von der lächerlichen, negativen Seite aufzufaſſen. Dieſen ſeinen Stoff geſtaltete ſich nun der Dichter mit einer Fülle von Witz, Phantaſie und Ungebundenheit zu einem poetiſchen Kunſtwerk, und müſſen wir es für ganz natürlich finden, wenn wir dann nicht ſelten Ueber⸗ treibungen und Verzerrungen begegnen, da bei der zügelloſen Freiheit, welche die Komödie ge⸗ noß, ein Gerücht oder Stadtklatſch dazu dienen konnte, Staatsmänner wie Privatleute die Geißel des Spottes fühlen zu laſſen. Ariſtophanes, der nun als wackrer Patriot die Politik der Dema⸗ gogen für verderblich hält, wendet ſich mit den Waffen der Kritik gegen die Lenker und Gelenk⸗ ten, geißelt mit ſchneidendem Witz die Gegenwart und ſtellt als laudator temporis acti die Vergangenheit, die Tugend der Vorfahren, die Bilder großer hingegangener Krieger und Staats⸗ männer als nachahmungswerth hin. In ſeinen„Rittern“ macht er den ſelbſtſüchtigen Demagogen zur Zeit ſeiner höchſten Macht und das von dieſem verleitete Volk mit rückſichtsloſeſter Bitterkeit lächerlich, verächtlich und verhaßt. Was würden wir nun für ein Bild von dem atheniſchen Volk bekommen, wenn wir die Angaben des Dichters für geſchichtliche Wahrheit halten wollten! Denn wollten wir Ariſtophanes wörtlich glauben, ſo hätte ganz Athen zu jener Zeit aus lauter Feig⸗ lingen und Nichtswürdigen beſtanden ¹). Was würden wir von Sokrates halten müſſen, wenn wir über ihn aus keiner anderen Quelle ſchöpfen könnten, als aus den„Wolken“, wenn wir nicht aus Tenophon und Plato eine ganz andere Vorſtellung gewinnen würden! Uebertrieben und verzerrt werden wir viele Berichte des Dichters nennen können, hauptſächlich, wenn es ſich um die Beurtheilung von einzelnen Individualitäten handelt.
C. Ferd. Ranke hat in ſeiner vita Aristophanis den Grundſatz aufgeſtellt, daß der Spott des Dichters nur gerechtfertigt ſei, wenn der materielle Inhalt durch die Geſchichtsſchreibung des Thukydides beſtätigt werde. Er beginnt dann eine Vergleichung der beiden Quellen und kommt zu dem Reſultat, daß dem Thukydides als Geſchichtsſchreiber die entſcheidende Stimme zuertheilt werden müſſe, indem er auf den Unterſchied hiſtoriſcher Darſtellung und derjenigen eines Komö⸗ diendichters hinweiſt.
Die Frage über die Benutzung der alten Komödie als Geſchichtsquelle iſt weiter verfolgt von Droyſen in der ſchon erwähnten Einleitung zu ſeiner Ueberſetzung der„Ritter“, dem das Bild, welches Ariſtophanes von ſeinem perſönlichen und politiſchen Gegner Kleon entwirft, als ein„ſcheußliches Zerrbild“ erſcheint, und von Wilhelm Viſcher: Ueber die Benutzung der alten Komödie als geſchichtliche Quelle, Baſel 1840. Er kommt nach einer ſcharfſinnigen Unterſuchung
¹) Ariſtoph.„Ritter“, 42. Su—νQ0mν 790»r1 d0*νρeο 1262 x6uα Kexvvalcv.„Fröſche“ 1014, diα‿ααασανσοε⁵αι, αν˙dαο, 20 aA2O&, rαυννν ◻ Q


