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großen Theil der griechiſchen Geſchichte neue und richtige Geſichtspunkte aufgeſtellt hat, und end⸗ lich Oncken,„Athen und Hellas“ II. Theil, der es ſich gleichfalls zur Aufgabe gemacht hat, die Volksherrſchaft von Athen zu Ehren zu bringen, nachgefolgt. Außerdem haben noch die Abhand⸗ lungen von Brock(Programm des Gymnaſiums zu Celle 1859) und Tüllmann(Programm der Ploener Gelehrtenſchule 1867) den Zweck, Kleon gegen die traditionelle Ueberlieferung in Schutz zu nehmen.
Wie es nun die Pflicht des Geſchichtsſchreibers iſt, unbeirrt durch vorgefaßte Meinungen und Antipathieen, eine Perſönlichkeit vollſtändig aus den ſie begleitenden Zeitumſtänden heraus aufzufaſſen und zu beurtheilen, ſo darf er dies doch auch nur thun mit Berückſichtigung der vor⸗ handenen Quellen, die er nach reiflicher Sichtung in ihrem Werth oder Unwerth heranzieht.
In der Zeit, in welche Kleons Auftreten fällt, finden wir das atheniſche Volk in zwei ſich ſchroff gegenüberſtehende Parteien, in Oligarchie und Demos, geſpaltet. Die Bollwerke der Ariſto⸗ kratie waren durch Perikles zertrümmert; die„Edelſten“, die„Beſten“ waren zu einer geringen Zahl zuſammengeſchmolzen und ſuchten ſich durch kleine, wohl organiſirte, politiſche Clubbs (Hetärieen), welche zur Erreichung von ſpeciellen Zwecken, zum Schutz vor Gericht und bei Wah⸗ len dienten, zu ſtärken ¹). Sie wünſchten Frieden und neigten deshalb zu Sparta, wohin ſie ſich ſchon wegen ihrer politiſchen Tendenzen gezogen fühlten. Ihnen gegenüber ſteht der Demos, der weiß, daß er einen Feind innerhalb ſeiner Mauern hat, was ihn in Angſt und Beſorgniß ver⸗ ſetzt, die ihn nicht zur Ruhe kommen läßt. Die Leiden und die Gefahren eines ſchweren Krieges hielten ihn in fortwährender Aufregung und Gereiztheit, Umſtände, die ihn zur Leidenſchaft trei⸗ ben und in Folge deſſen zu ungerechtfertigten Maßregeln greifen laſſen. Und wenn nun auch in der atheniſchen Demokratie Gleichberechtigung Aller beſtand, ſo hatte ſich doch bei den Athe⸗ nern, wie dies bei allen Völkern der Fall iſt, die Geſinnung erhalten, zu Staatsämtern Leute von edler Geburt, vortrefflicherer Bildung des Geiſtes und Reichthum ſich heran bilden zu ſehen. Sehen wir doch wie von den alten Schriftſtellern die Abſtammung des Perikles und auch des Alkibiades²) rühmend hervorgehoben wird. Perikles beſaß Ahnen und hohe Bildung; Kleon war ahnenlos, homo novus, ohne Familienverbindungen, Umſtände, die ihm bei ſeinem Empor⸗ ſtreben hindernd in den Weg traten, da die Gegenpartei ſtets mit Geringſchätzung auf ihn herab⸗ ſah und in dem Banauſen einen unberufenen Eindringling in ihre Vorrechte erblickte. Die poli⸗ tiſche Bildung war aber im Laufe der Zeit durch die entfeſſelte Volksherrſchaft ein Gemeingut geworden, und es konnten Männer aus dem Volk ebenſogut als Demagogen auftreten, wenn ſie dazu befähigt waren, als früher die Adelsgeſchlechter. Schrittweiſe mußte ſich daher Kleon ſeine Stellung erobern; in der Anwendung der Mittel durfte er nicht auf halbem Wege ſtehen blei⸗ ben, ſondern conſequentes und unbeirrtes Losſteuern auf ſein Ziel war für ihn Nothwendigkeit. Wenden wir uns zu den Quellen, die für den Zeitraum, in welchem Kleon auftritt, maßge⸗ bend ſind. 4
Wir ſollten denken, wir hätten einen großen Vortheil dadurch, daß wir gleichzeitige Autoren, die aus lebendiger Anſchauung heraus oder nach eingeholten Erkundigungen von Augenzeugen
¹) Thuk. VIII, 54. rcς ε&‿νυναοαέας, insòεν☛αά̈ον τσιεεονο εντν πmει d vαœ⁸ιια ααςι εααʃ αες. ²) Thuk. V, 43. AMxε αινιν, ꝗKetpiov, dpe iuzia He dv Er rrs eOs ds 5„ A³νασhᷣmNVX✝c)’lei, dμαμκνσιι εε τραοννοωσν τινιαιειννο.


