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welcher er nicht, sei es fördernd, sei es abwehrend in Beziehung getreten wäre. Eine Bio- graphie Samson Raphael Hirsch's lässt sich nicht schreiben, ohne eine jüdische Geschichte der letzten sechzig Jahre zu schreiben. Eine eingehende Würdigung seiner Werke lässt sich. nicht geben, ohne eine fortlaufende Darstellung des gesamten geistigen Lebens zu liefern, wie es in den Häusern und Gemeinden und vor allem wie es in den literarischen Producten dieses Zeitraums sich darbietet. Den Eintritt des in seiner Durchgeistigung erfassten Judentums, mit dem ganzen grossen unverkürzten ererbten Schatze geistiger Erkenntnis und edler reinmensch- licher Gesittung, wie er in dem schriftlichen und mündlichen Gottesgesetze, dem biblischen und rabbinischen Schrifttum niedergelegt ist, in die volle Teilnanme an dem modernen euro- päischen Kulturleben vermittelt zu haben, und zwar nicht als widerwillig geschlossenen Com- promiss im tiefsten Grunde einander feindlicher Bestrebungen, sondern als direktes Postulat der jüdischen Aufgabe,— und den Nachweis geführt zu haben, wie in jedem wahren Kultur- fortschritte, in jeder Förderung der Gesittung und Humanität im Staaten- und Völkerleben dieses in seiner Wahrheit und Tiefe verstandene Judentum innig beglückt nur das Aufgehen von Blütenkeimen begrüsse, die dem Boden der Offenbarung entstammen, deren Träger zu sein das Geheimnis seiner Unsterblichkeit bildet, und deren immer würdigerer Träger zu werden, wie den Inhalt der nach Jahrtausenden zählenden jüdischen Geschichte, so die Auf- gabe seiner Zukunft ausmacht—: das wird einer der Gesichtspunkte sein, unter denen der Geschichtsschreiber der Zukunft dem Verewigten seinen Platz und seine Bedeutung in der jüdischen Geschichte und, wir sind so kühn hinzuzufügen, in der Geschichte der Menschheit anweisen wird. Denn, von vielem andern abgesehen, gradezu unermesslich ist der Schatz, den seine Werke auch für die Lösung der höchsten Probleme der Menschheit, für den Ausgleich von Religion und Wissenschaft, von Glauben und Wissen bergen. Diesen Schatz auch weiteren Kreisen zu erschliessen, ist eine Aufgabe der Zukunft.
Dass nach diesen Darlegungen eine Biographie Samson Raphael Hirsch's kein Werk sein kann, das für den Rahmen eines Programms sich eignete, bedarf wohl keines wei- teren Nachweises.
Wohl aber dürfte es nicht als unangemessen erscheinen, bei der Ausgabe dieses ersten Programmes unserer Schule, auf welchem sein teures Auge nicht ruhen wird, in dankbarer Verehrung einen Augenblick der Umstände zu gedenken, unter denen er sie vor nunmehr. sechsunddreissig Jahren ins Leben rief. Wir glauben dies nicht treffender thun zu können, als wenn wir dem grossen Verewigten selbst das Wort lassen.
An demselben Tage nämlich, an welchem die Schule, dank der Opferwilligkeit der damals noch kleinen Gemeinde, auf Grundlage des vom Senate der damaligen freien Stadt Frankfurt genehmigten specifizierten Lehrplans eröffnet werden konnte, wurde mit dem„Frank- furter Journal“ ein anonymes umfangreiches Pamphlet ausgegeben, in welchem den christlichen und israelitischen Mitbürgern die Augen geöffnet werden sollten über das angeblich kultur- feindliche Unternehmen des Herrn Hirsch, und mit unglaublichem blindwütigen Fanatismus das gesetzestreue Judentum dem Spott und der Verachtung preiszugeben versucht wurde. Dazu waren in nicht eben loyaler Weise aus dem Zusammenhang gerissene Stellen aus den im„Chaurew“ enthaltenen Auszügen aus dem„Schulchan Aruch“ über Sabbath und Speisegesetze benutzt worden, um die Eltern im Namen der Civilisation und des Fortschrittes, um des Wohles ihrer Kinder willen, eindringlichst davor zu warnen,


