Samson Raphael Hirsch.
In dem Hintritt des heimgegangenen Weisen, in welchem die gesetzestreue Judenheit den Verlust ihres geistigen Hauptes betrauert, beweint unsere Schule das Hinscheiden ihres Gründers und langjährigen Leiters.
Es ist sonst in solchem Falle eine Ehrenpflicht der Pietät, eine Biographie des Ver- ewigten zu bringen. Wenn wir in diesem Augenblicke von der Erfüllung dieser Pflicht ab- sehen, so glauben wir es uns selber schuldig zu sein, mit einigen Worten darüber Rechenschaft zu geben. Es ist nicht blos die Kürze der Zeit, die uns daran hindert. Wäre der Heim- gegangene auch blos Schulmann gewesen und handelte es sich demgemäss auch nur um die eingehende Würdigung seiner pädagogischen Wirksamkeit, um die Darlegung seiner Anschau- ungen von den Aufgaben der jüdischen Schule, um die Kennzeichnung der Ziele, die er in seiner fast sechs Dezennien umfassenden Tätigkeit unentwegt im Auge behielt, und der päda- gogischen Grundsätze nach denen er diese Ziele zu erreichen strebte, um die Charakterisie- rung seiner grundlegenden und bahnbrechenden literarischen Tätigkeit auf dem Gebiete der auf die Aufgaben der modernen jüdischen Schule angewandten Didaktik, kurz um eine Dar- legung dessen, was er gewollt und wie er es gewollt, was er geleistet und was er in der Gründung und langjährigen Leitung unserer Schule für das Judentum geschaffen—: so würde freilich auch für die Lösung dieser Aufgabe die Zeit eine viel zu kurze gewesen sein.
Nun bildet aber diese Tätigkeit des grossen Heimgegangenen in Wirklichkeit nur einen kleinen Teil seiner vielseitigen Wirksamkeit, und die Gründung unserer Schule, der in Wahr- heit ersten jüdischen Realschule, ist nur ein Ausfluss seines gesamten Wirkens, nur die folgenreichste praktische Verwirklichung seiner religiösen und wissenschaftlichen Ueberzeugung. Eine Biographie aber müsste eben der ganzen Persönlichkeit, sowie der gesamten Wirk- samkeit gerecht werden, sie müsste seine Bedeutung als Bibelexeget und Talmudforscher, als Schöpfer einer Philosophie des Judentums, als Vorkämpfer des gesetzestreuen Judentums und als unermüdlicher Vertreter der Interessen desselben nach innen und nach aussen zur Dar- stellung bringen. Und neben seiner in ihrem Umfange, ihrer Tiefe und ihren Erfolgen so gewaltigen literarischen Tätigkeit hätte sie seine reich gesegnete amtliche Wirksamkeit an den verschiedenen Stätten seines Wirkens zu zeichnen. Da würde sich's denn ergeben, dass in den letzten sechs Dezennien es keine Frage gab, die die jüdische Welt bewegte, keine Erscheinung, keine Bestrebung von irgend welcher allgemeinen Bedeutung in'’s Leben trat, zu


