Aufsatz 
Lampert von Hersfeld, der Geschichtsschreiber König Heinrichs des IV. : [zwei Vorträge, gehalten im Geschichtsverein zu Cassel] / vom ... August Eigenbrodt
Entstehung
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oder auch späteren Widersacher. Unendlich viel Erzählungen, die mit Heinrich IV. gar nichts zu thun haben, auch solche, wo der König in vorteilhaftem Lichte erscheint, sind episodenartig in das Geschichtswerk aufgenommen, weil die Vorgänge das Interesse des Verfassers fesselten. So hatte Heinrich 1075 nach Unterwerfung der Sachsen und Thüringer zwei vornehme Knaben einem gewissen Eberhard als Geiseln in Obhut gegeben. Dabei hatte der König, so berichtet Lampert, sei es wegen der hohen Abkunft der Knaben, sei es aus Mitgefühl für ihr zartes Alter dem Grafen Eberhard eingeschärft, er solle bei der Erziehung der Knaben möglichst viel Milde walten, namentlich die Kinder zuweilen mit gleichalterigen Kameraden spielen lassen, damit sie nicht Not litten durch Müſsiggang oder unter dem drückenden Gefühle einer allzustraffen Aufsicht. (L. p. 274.) Gewils ein schöner Zug von Heinrichs menschlichem Empfinden, so recht im Gegensatze zu der von Lampert sonst hervorgehobenen Gefühlshärte Heinrichs gegen die Besiegten. Lamperts Arbeit ist, wie mir vorkommt, unter dem Eindrucke ver- schiedenartiger Stimmungen angefertigt. Auf die leidenschaftlich erregte Schilderung des Vorfalles von Goslar(1063) folgt die ruhige, in ihrer sachgemäſsen Objektivität klassische Darlegung der Fuldaer Klosterrevolte.(L p. 82 ff.) Der von Ranke be- wunderte Bericht über Entstehung und Verlauf des Kölner Aufstandes wider Erzbischof Anno steht zwischen den Sachsenkriegen von 1073/74 und 1075.(L. p. 186.) Die Schilderung dieser beiden Sachsenkriege trägt die Spuren der groſsen Erregung des Ver- fassers; doch schon die Ereignisse zwischen der Flucht von der Harzburg und der An- kunft Heinrichs in Worms sind wieder ruhiger erzählt. Am höchsten steigt die Wut Lamperts bei der Darstellung des Sachsenkrieges von 1075; vor der neuen Erhebung Sachsens im Jahre 1076 findet sich eine durch Ruhe des Urteils ausgezeichnete Stelle über Heinrich und Otto von Northeim.(L. p. 269 272.) Vor dem Jahre 1069 ist die später immer mehr hervortretende Abneigung gegen Heinrich IV. nicht zu erkennen. Nachher freilich zieht sich die Polemik gegen den König, weil durch den Einzelfall fortwährend neu angeregt, durch den gröſseren Teil des Lampertschen Werkes hindurch.

So weist die ganze Art von Lamperts Annalen, die äuſsere Anlage wie ihr innerer Charakter, durchaus nicht auf eine Parteischrift hin; viel eher sind wir veranlafst, in den Annalen ein Werk der Muſsestunden zu erblicken, wo der einsame und denkende Mönch seine Lieblingsgedanken dem Papiere anvertraute. Hier lobt und tadelt Lampert rücksichtslos und ohne Unterschied; hier wettert er und räsonniert; seine Urteile sind gewiſs nicht immer zutreffend oder auch nur auf voller Höhe gehalten, aber sie machen gerade den Eindruck persönlicher Selbständigkeit und voller Wahr- haftigkeit des Denkens. Man hat über Lamperts äufsere Verhältnisse viel willkür- liche Vermutungen aufgestellt; wenn aus seinem Werke ein Schlufs auf den inneren Menschen gestattet ist, so möchte ich sagen: aus Lamperts Buche spricht ein Mann von starker Überzeugung, vielleicht war er überzeugt bis zur Verbohrtheit; in der Sache Heinrichs IV. war er wohl parteiisch, aber er war kein Mann des Parteigetriebes, vielmehr ein

persönlich unthätiger, wenn auch gemütlich lebhaft interessierter Zuschauer der politischen Ereignisse.